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Die Stadtmusikanten als Illuminati.

Times Mager

Quartett

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Zweihundert Jahre ist es her, dass die Brüder Grimm in die Kinder- und Hausmärchen auch die Geschichte von den „Bremer Stadtmusikanten“ aufnahmen.

Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass ein Esel dieser Tage in der vorzüglichsten Pizzeria Bornheims schlechter bedient worden wäre als das Riesenküken, das mit drei Kameraden schon einen über den Durst getrunken hatte, jedoch freundliche Aufnahme fand. Das heißt, dass vier in die Jahre gekommene Tiere auch im gemäßigt Karneval feiernden Frankfurt etwas Besseres als den Tod gefunden hätten. Zudem zeigt sich wieder, wie die friedvolle Anonymität der Großstadt und das Leben in Abgeschiedenheit ähnliche Vorteile aufweisen. Allerdings ist die Pizza möglicherweise in der Großstadt besser, jedenfalls leichter zugänglich.

Sollten die vier betagten Tiere nämlich je auf den Gedanken kommen, ihr gemütliches neues Heim in der Pampa kurz zu verlassen, um in der nahen Ortschaft lecker essen zu gehen, werden sie auffallen wie bunte Hunde, nur noch mehr. Und sie werden nicht rasch im Penny etwas Tiefgekühltes besorgen können, was eine Alternative wäre, sofern sie die Stromrechnung der Hausbesitzer immer begleichen. Um an einem Karnevalssamstagabend auf der Berger Straße aufzufallen, muss man dagegen schon einiges unternehmen. Nicht verkleidet zu sein, reicht nicht. Auf den Schultern eines anderen zu hocken, reicht ebenfalls nicht. Alt und klapprig zu sein, reicht eh nicht.

Natürlich ist nicht gesagt, dass vier sprechende Tiere jwd schlechter behandelt werden als in der Großstadt. Allerdings muss man zugeben, dass die vier eben nicht in New York, Paris oder Frankfurt aufbrechen, um in einer anderen Stadt ein Altersdomizil zu finden, sondern von Bauernhöfen, Mühlen u. ä. aus.

Ferner erschienen schon der sehr jungen Leserin die neuen Wohnverhältnisse des Quartetts prekär. Sie wusste nicht, was prekäre Wohnverhältnisse sind, aber sie wusste, dass man Verbrechern nicht ihr Haus wegnehmen kann, ohne der Konsequenzen gewahr zu sein. Verbrecher verstehen nur die Sprache der Gewalt, erstens. Zweitens stehen auch sie als Immobilienbesitzer nicht außerhalb des Gesetzes. Der Ausgang der Geschichte hatte darum etwas Ambivalentes, und die Schlusswendung mit dem warmen Mund tröstete nicht darüber hinweg. Irgendwie ekelig, ein warmer Mund, auch wenn ein kalter Mund noch schauriger wäre.

Aber wie kamen wir jetzt darauf? Zweihundert Jahre ist es her, dass die Brüder Grimm 1819 in die zweite Ausgabe ihrer Kinder- und Hausmärchen auch die Geschichte von den „Bremer Stadtmusikanten“ aufnahmen. Am Wochenende haben in Bremen, wo die vier bekanntlich nie ankamen, die entsprechenden Feiern begonnen. Auch an diesem Märchen feilten die Brüder beständig weiter, erst ein paar Jahre später machte die Katze ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter und hieß Bartputzer. Echte Volkstümlichkeit ist eine hohe Kunst.

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