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Publikum

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Von: Judith von Sternburg

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Das Publikum zu rezensieren, ist blöd.
Das Publikum zu rezensieren, ist blöd. © Annegret Hilse/dpa

„Parsifal“ in Bayreuth: Ein halbwegs schweigendes Publikum und das beste T-Shirt der Welt.

Das Publikum zu rezensieren, ist immer ein bisschen blöd, weil das Publikum selbstverständlich als zahlender Teil der Veranstaltung fast alles darf, außer zu plappern, die Gags der Schauspielerinnen und Schauspieler direkt zu wiederholen, mitzusingen, rumzuküssen (nicht aus moralischen, sondern aus Gründen der Blickachsen), ans Telefon zu gehen, den Raum zu verlassen außer bei einem medizinischen Notfall, zu husten außer bei einem medizinischen Notfall, Nachrichten zu versenden, soeben illegal erstellte Fotografien zu versenden, Nachrichten zu checken, Nachrichten aufleuchten zu lassen, das Handy zu spät auszuschalten und dabei auf den Siri-Sprachdienst zu geraten, auf dem leuchtenden Handyschirm die Uhrzeit abzulesen, mit den zehn Silberreifen am Handgelenk zu spielen, mit dem Schlüsselbund zu spielen, eine Reißverschlusstasche nicht nur zu öffnen (Notfall!), sondern auch wieder zu schließen, in der Tasche zu grabbeln, Bonbons aus knisternder Folie auszuwickeln (sehr langsam, damit es nicht so laut ist, ES IST ABER LAUT), Sprudelflaschen zu öffnen, zu schnarchen.

Es bleibt also noch eine Menge übrig, was das Publikum darf. Schlafen, aber nur, wenn die Atemwege frei sind. Über alles Mögliche nachdenken, aber nur, wenn es nicht sofort der Begleiterin mitgeteilt werden muss.

Darum ist es also ein bisschen blöd, das Publikum zu rezensieren. Andererseits ist es im Umfeld einer „Parsifal“-Veranstaltung im Festspielhaus von Bayreuth unwiderstehlich. Denn: Wird auch in diesem Jahr nach dem 1. Aufzug nicht geklatscht werden, wie Richard Wagner es weiland wünschte, denn „Parsifal“ ist keine Oper, sondern ein Bühnenweihfestspiel? Zu wünschen schien, denn andererseits will ein Komponist ja auch ein Feedback nach der Schafferei. Als Kompromiss hat es sich eingebürgert, in Bayreuth nach dem 1. Aufzug auf den Applaus zu verzichten. Uninformierte Ansätze dazu werden lustigerweise niedergezischt und traditionell ignoranten US-Amerikanern und Asiaten in die Schuhe geschoben. Im Corona-Anti-Reisesommer muss man sagen: Nein, an denen liegt es nicht. Enorm, wie lange Menschen klatschen können, bevor sie merken, dass sie gerade niedergezischt werden. Der schärfste Kritiker des Publikums ist das Publikum.

Nach den anderen beiden Aufzügen wird dann getrampelt, gejohlt und geklatscht. Wagner-Exegese und -Verehrung, ein unerschöpfliches Feld, Bayreuth arbeitet daran.

Zwischen Abendanzügen sind in der Affenhitze auch die beliebten T-Shirts mit Textaufschriften zu sehen. Ein T-Shirt, auf dem „Enthüllet den Gral!“ steht, etwas Besseres gibt es überhaupt nicht.

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