Leerstehender Laden im Dorf
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Nicht so lang her, da kam täglich Kundschaft zum Metzger.

Times mager

Provinz

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Seit Jahrzehnten geht das Landleben der einfachen Leute vor die Hunde. Das Dorf stirbt, was tut die Politik?

Vielen Dank Auf Wiedersehen. Vier Wörter in Großschreibung, keine Satzzeichen, zwei Zeilen zu je zwei Wörtern, weißes Schild, schwarze Schrift am Ortsausgang des Eifeldörfchens. Der Dank hatte früher mal seinen Sinn. Heute gibt es nichts mehr zu danken, heute gibt es nur noch Durchreisende, und heute gibt es im Grunde auch keinen Anlass mehr für ein Wiedersehen.

Heute gibt es im Eifeldörfchen nichts mehr als Häuser, die einen neuen Anstrich erflehen. Häuser, hinter deren abgasgrauer Wandvertäfelung noch Menschen leben und kein Geld haben für ein paar Eimer Fassadenfarbe, schon gar kein Geld für Leute, die damit die Hauswand anmalen, und schon überhaupt keine Kraft mehr, selbst zu malen.

Nicht so lang her, da kam täglich Kundschaft zum Metzger. Das Zeichen der Fleischerinnung ist noch angeschraubt. Drinnen keine Theke, nichts, das Schaufenster halbblind. Auch nicht lang her, da gab es sogar ein Lebensmittelgeschäft. Zwei Schankwirte. Einen Schreibwarenladen mit Tageszeitungen. Der Markt hat’s gegeben, der Markt hat’s genommen. Als letzter hielt sich der Bäcker. Aber je seltener Leute kamen, desto weniger Brot backte er, und je weniger Brotauswahl es gab, desto seltener kamen Leute.

Jetzt kann man aus dem Dorf mit dem Auto zehn Kilometer fahren, da ist der Riesensupermarkt, da gibt es alles superbillig. Vielen Dank Auf Wiedersehen.

Im Dorf läuft die Katze über die Straße. Sie ist geblieben. Die jungen Leute sind gegangen. Die Arbeitsplätze sind gegangen. Das Geld ist gegangen.

So sieht’s aus in der Provinz, ja, auch Westprovinz: Mosel, Eifel, Hunsrück, unzählige Flecken: tot. Wo noch Wein gemacht wird, wo sich noch Menschen finden, die gutes Geld für gute Arbeit bezahlen, hält sich ein Rest an Lebensmut. Da fühlt es sich fast an wie Folklore. Eine Boutique – im Dorf! Kuriosität inzwischen.

Seit Jahrzehnten geht das Landleben der einfachen Leute vor die Hunde. Das Dorf stirbt, was tut die Politik? Findet lobende Worte für Kämpfernaturen, die Gemeinschaftsläden organisieren, damit auch die Oma noch was einkaufen kann ohne Auto.

Alles nicht neu. Unangenehme Wahrheiten für die, die etwas ändern könnten. Aber hier ist was Neues: Corona bringt uns zurück aufs Land, liest man. Man kann ja von zu Hause arbeiten, wenn die Internetleitung dick genug ist. Das führt zu steigenden Mieten in der Provinz, liest man. Der Markt, der Markt. Und in den Metropolen wächst die Angst vor der Verödung der Innenstädte, liest man. Vielen Dank Auf Wiedersehen.

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