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Prosciutto

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Von: Lisa Berins

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Die Möwen in Venedig werden gefährlich, wenn sie hungrig sind.
Die Möwen in Venedig werden gefährlich, wenn sie hungrig sind. © Hanneke Wetzer/imago

Auf der 59. Biennale di Venezia sind nicht nur die Möwen hungrig.

Etwas nähert sich von hinten, während man, auf einer Parkbank in der venezianischen Sonne sitzend, das Panino auspackt. In den Augenwinkeln bewegt es sich, und dann ist es schon zu spät. In Sekundenschnelle ist die Möwe vom Pavillondach gehüpft und hat sich auf das Panino gestürzt, reißt einen Teil der Beute weg, zerfleddert sie auf dem Kiesweg und fliegt mit dem Prosciutto und der Tomate fort.

Nur ein paar Momente später stieren einen die Geier an. Sie machen sich über einen Kadaver her. Zerren mit ihren Schnäbeln an dem blutigen Fleischklumpen. Geier wirken beängstigend groß, wenn sie einem direkt zu Füßen sitzen – das erlebt man ja nicht oft. Irgendwo hoch oben auf einem düsteren Berg befindet man sich jetzt, über einer unheimlichen Landschaft, eingeschlossen mit den bedrohlichen Vögeln in einem Käfig.

Und auf einmal fliegt man los. Durch eine vergammelte Lagerhalle, vielleicht 30 Meter über dem Boden, ohne zu wissen, wohin es geht. Man schwebt in eine trostlose Landschaft, getragen von einer Stimme, die bedeutungsschwer von einem antiken Mythos erzählt. Bald landet man, in einer Romasiedlung, irgendwo außerhalb von Athen, inmitten von Müll. Dort startet das Schauspiel.

Menschen stehen in dieser Siedlung direkt vor einem, schauen einen an, als könnten sie einen sehen, aber das können sie doch nicht, oder? Wenn man sich um die eigene Achse dreht, sieht man Leute in Hütten verschwinden, und dann, hinter einem Schutthaufen, tauchen Maskierte auf. Sie nähern sich einem, was wollen sie? Am liebsten würde man weglaufen, aber das geht nicht. Man ist gefangen in einer Vision, in einem Alptraum, bis dann 15 Minuten später alles vorbei ist. Man hebt wieder ab und fliegt davon, und der Abspann läuft.

Jemand kommt, nimmt einem die Kopfhörer und die Virtual-Reality-Brille ab, man klettert von einem futuristischen Sessel, in dem man sich hin und her gedreht hat. Der eigene Körper ist wieder da, den hatte man irgendwie vergessen. Man selbst ist wieder da: auf der Biennale, im griechischen Pavillon. Aufatmen. Loukia Alavanous Filmarbeit „Oedipus in Search of Colonus“ wäre dann geschafft. Man ist paralysiert, verstört, aber vor allem fasziniert, wie sehr einen der Trip in die Virtualität mitgerissen hat.

Draußen brutzelt die Sonne, alles ist vertraut und hell, und man ist wirklich erleichtert. Ein Stück vom Panino (ohne Prosciutto) ist noch übrig. Ein Blick in den Himmel, dann sucht man sich ein schützendes Dach und lehnt sich mit dem Rücken an die Wand. Wie verrückt, dass einem diese virtuelle Welt so bedrohlich erschien, wo die echten Gefahren hier draußen, in der Realität lauern.

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