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Prophetie

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Von: Michael Hesse

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Richard Sennett beim ZDF in Berlin.
Richard Sennett beim ZDF in Berlin. © imago/(Archivbild)

Richard Sennett liegt meistens verblüffend richtig, das können nicht viele von sich behaupten. Auch mit Blick auf den Ukraine-Krieg sollte man ihm darum vielleicht zuhören.

Der griechische Philosoph Aristoteles sagte einmal, Aussagen über die Zukunft hätten nicht einmal einen Wahrheitswert, seien also vollkommen sinnlos. Und doch können wir nicht anders, als uns über die Zukunft zu äußern. Das liegt an einer Existenzweise von uns, die Martin Heidegger als „Sich-Vorweg-Schon-Sein-Bei“ bezeichnet hat. Aussagen über das, was auf uns in künftigen Zeiten wartet, kommen natürlich auch aus berufenem Munde, von Experten und Expertinnen allen voran. In historischen Büchern werden diese gerne als hellsichtige Zeitgenossen und Zeitgenossinnen dargestellt, wenn deren Beobachtungen zutrafen.

Dennoch wissen wir nicht zuletzt durch die Arbeiten des Kölner Soziologen Jens Becker, dass unsere Annahmen über das Kommende nicht viel mehr als eine Ahnung sind, aber ganz gewiss kein Wissen. Man muss ja nur den Blick etwas zurückwenden, einige Jahre zurückgehen, etwa ins Jahr 2016, diesem annus horribilis, als Trump US-Präsident wurde und die Briten für den Brexit stimmten und sehen, was da die Expertenseite über die nahe Zukunft so von sich gab. Einmal hieß es nach Trumps Wahl: „Das ist Europas Chance“, eine andere Stimme lautete: „Das ist Europas Ende“. Widersprüchliches also. Doch besonders ein Name fällt auf, der mit allem richtig lag. Die Rede ist von dem britischen Soziologen Richard Sennett. Kurz nach der Wahl sagte er: „Ich stehe immer noch unter Schock.“ Um dann nach kurzer Zeit hinzuzufügen: „Im Grunde war es vorauszusehen.“ Er schloss den weiteren Satz an: „Die Folgen werden unglaublich weitreichend sein.“ Alles, was er noch vortrug, sollte so eintreten: Der Wandel der US-Klimapolitik, Trumps Attacken auf Europa und Nato, Europas Schwäche gegenüber Russland, bürgerkriegsähnliche Zustände in den USA, dass Trumps Amtszeit vier Jahre nicht überdauern würde, aber sein gestörtes Gemüt vielleicht so etwas wie einen Putsch erwarten lassen könnte. Immer lag dieser Sennett richtig.

Zum Schluss sagte er noch: „Wir leben in sehr finsteren Zeiten. Wer glaubt, dass wir weitermachen können wie bisher, liegt vollkommen falsch.“

Vielleicht lohnt es sich daher, Sennetts Gedanken über den Ukraine-Krieg und seine Folgen für uns kennenzulernen. Kurz nach dem Ausbruch des Krieges warnte er: „Ganz Europa befindet sich in Gefahr.“

Dieser Krieg werde noch nicht das Ende gewesen sein. Alle Staaten würden destabilisiert, es sei daher tatsächlich eine Zeitenwende. „Sie müssen wissen, mit wem Sie es zu tun haben, mit einem Feind, der ruhelos ist.“ Europa erlebe nicht die 1930er Jahre wieder. Aber eine neue Phase der Konfrontation.

Sennett erklärte: „Ich bin 1943 im Krieg geboren worden, und möglicherweise werde ich im Krieg sterben.“ Eines müsse uns klar sein: „Es ist kein Kalter Krieg, das hier ist heißer als das.“

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