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Profilerin

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Von: Lisa Berins

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Zwei Angehörige der „Letzten Generation“ haben sich in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden Raffaels „Sixtinische Madonna“ ausgesucht, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen.
Zwei Angehörige der „Letzten Generation“ haben sich in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden Raffaels „Sixtinische Madonna“ ausgesucht, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen. © Sebastian Kahnert/dpa

Prominenz ist wichtig, das Alter aber auch: An wen sich junge Leute gern kleben.

Junge Menschen, die langsam in Museumssälen herumschleichen, die lange vor bedeutenden Werken der Kunstgeschichte verharren, stehen unter Verdacht. An ihre Nacken heften sich nervöse Besucherblicke und strenge Securitymenschenaugen. Es könnte sich nämlich um potenzielle Täter:innen handeln. Um Mitglieder der Letzten Generation oder Just Stop Oil, die es seit einigen Wochen auf Kunst abgesehen haben und sich jetzt an Gemälde-Rahmen festkleben. Und wenn sie schon nicht gleich zuschlagen – dann kundschaften sie sicher aus: Wie sie ihre Transparente durch die Eingangskontrolle schmuggeln, wie sie unauffällig zum Werk gelangen, wie es gesichert ist. Und überhaupt muss ja erst mal ausgesucht werden: welches Werk überhaupt?

Denn es ist ja nicht so, dass immer einfach das berühmteste Gemälde für den Klimaprotest geeignet ist (für die Pressefotos ist Prominenz natürlich schon auch wichtig). Die Auswahl erfolgt scheinbar nach einer Auseinandersetzung mit den Bildsujets und möglicherweise einer fundierten kunsthistorischen Betrachtung. Denn: Die Werke sind immer auch als Metapher für die Klimakatastrophe zu lesen, wie aus den Statements der Aktivist:innen hervorgeht.

Wenn wir wissen möchten, welches Werk es als Nächstes treffen könnte, müssen wir uns deshalb mit den Fähigkeiten einer Profilerin in die Attentäter:innen hineinversetzen. Was wird ihr nächstes Opfer sein?

Die bisherigen Tatorte: London, Florenz, Mailand, Dresden, Berlin, Frankfurt. Die Opfer: Sandro Botticelli, John Constable, Lucas Cranach der Ältere, Nicolas Poussin, Raffael, Van Gogh. Zu sehen: Landschaft düster, Landschaft idyllisch, gar keine Landschaft. Was ist bloß das Muster? Die Profilerin steht vor einem Schaubild mit einem undurchschaubaren Netz an Querverweisen. Sie tritt einen Schritt zurück. Dann wird sichtbar, was fehlt. Zeitgenössische Kunst. Sie gehört offenbar nicht zum Opferprofil. Warum? Ist sie nicht anschaulich genug, nicht zugänglich, selbst zu fortschrittlich?

Natürlich! Es braucht Patina für den Protest. Eine Revolution gegen die Alten Meister - das bringt Dramatik in die Inszenierung: Dort der alte Schinken, eine dem Untergang geweihte Welt, davor: die jungen, resoluten Kämpfer:innen, die sich nicht von Altehrwürdigkeit und Aura einschüchtern lassen.

Zugegeben, eine substanzielle theoretische Untermauerung wäre spannender gewesen. Und jetzt wird’s wirklich plump: Das nächste Opfer wird wohl wieder ein Werk mit einer großen Klebefläche (Rahmen, Panzerglas) sein. Die Profilerin war umsonst engagiert.

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