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Proben

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Von: Judith von Sternburg

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Bayreuth 2022: Über Wagner zu feixen, ist nie verkehrt. Aber gehen wir doch gerade deshalb anspruchsvoll in die heranrollende Saison.
Bayreuth 2022: Über Wagner zu feixen, ist nie verkehrt. Aber gehen wir doch gerade deshalb anspruchsvoll in die heranrollende Saison. © Daniel Löb/dpa

Nach den Festspielen ist vor der Saison, und wieder hat man Zeit, sich genüsslich mit Richard Wagner zu beschäftigen.

Nach den Festspielen ist vor der Saison, die Proben und Premieren hören niemals auf, und damit hören auch die Zweifel und Bemühungen und die Neugier niemals auf, und es musste in diesem Sommer irgendwann der Augenblick kommen, in dem man sich in der neuen Anthologie „Die ersten Bayreuther Festspiele 1876“ (herausgegeben von Bernd Zegowitz, Königshausen & Neumann, 383 S., 49,80 Euro) festlesen würde. Jetzt war es so weit.

Es ist sehr einfach und hat unbedingt Tradition, sich über Richard Wagner und sein Musiktheaterwerk lustig zu machen. Darin steckt die berechtigte Unlust, sich und seinen Verstand so ohne weiteres überwältigen zu lassen von einem, der es unverschämt darauf anlegt. Anhimmelung und die Forderung, angehimmelt werden, ergeben zudem eine ungute Mischung, und gefährlich ist sie auch, vor allem dann, wenn einer zugleich volles Risiko geht.

Auf dem Buch sind direkt die berüchtigten Rheintöchterhebewagen zu sehen, die 1876 zum Einsatz kamen. Oben die Sängerinnen auf Stangen, unten Rollwagen, von je drei Mann geschoben und gelenkt. Man lacht sich kaputt, dann wieder muss man sagen, dass es offenbar gut ausschaute. Der strenge Kritiker Eduard Hanslick berichtete, dass „die von unten dirigirte Maschinerie der Schwimmenden vollständig gelungen war“. Den Rest des Abends (die Rheintöchter schwimmen bekanntlich ganz zu Beginn) langweilte er sich allerdings zu Tode. Wagner rief in einer seiner gruseligen „fröhlichen Stimmungen“ dazu auf, Hanslick zu verprügeln, wie der junge Felix Mottl notierte (der sorgfältig edierte Band steckt voller Details).

Mottl, noch keine 20, war zu seinem höchsten Glück als Helfershelfer nach Bayreuth gerufen worden. Er gehörte zu den Anhimmlern, klar, aber sein Probenbericht ist fesselnd. Nicht nur, weil er einen der „schwerfälligen Schwimmwägen“ bediente (Wellgundes).

Er beobachtete auch staunend, wie sich das musikalische Tempo ohne Wenn und Aber dem szenischen Vorgang anzupassen hatte. Und wie Wagner bei allen Albernheiten und Ausflippern (wenn einer z. B. den Namen Sieglinde auf der zweiten Silbe betonte, äh) kurzerhand die Personenregie ins deutsche Musiktheater einführte. „Es wird mir ewig unvergesslich bleiben, wie er jede Bewegung selbst vormachte. ... Besonders eiferte er gegen die üblichen überflüssigen Bewegungen und drang darauf, dass nur dann eine Bewegung gemacht wurde, wenn sie auch wirklich etwas zu sagen hatte.“

Über Wagner zu feixen, ist nie verkehrt. Aber gehen wir doch gerade deshalb anspruchsvoll in die heranrollende Saison und wünschen wir uns eine Regie, die vor Elan platzt. Der erste Schritt natürlich: rasch ein paar Theaterkarten bestellen.

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