Times mager

Proaktiv

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Es zeigt sich: Ein Thema proaktiv anzugehen, ist noch viel effektiver.

Das kommt schon mal vor, dass der Mensch mithört, was ihn nichts angeht. Da muss der Mensch gar keine Aktivitäten entwickeln, sondern kann ganz passiv im öffentlichen Raum herumstehen, und plötzlich tönt von irgendwoher ein Gesprächsfetzen herüber: „Aber das hätte man doch nicht gleich proaktiv ansprechen müssen!“

Natürlich hinterlässt er Fragen, der Fetzen: Was ist das, „proaktiv ansprechen“? Kann ich das auch? Und was wäre das Gegenteil? Antiaktiv? Propassiv?

Wahrscheinlich ist es mit „proaktiv“ nicht anders als mit „Am Ende des Tages“ oder „herausfordernde Lage“: Der Mensch sagt „Am Ende des Tages“, obwohl er eigentlich „Am Ende des Jahres/des Sanierungsprogramms / der Bilanzperiode“ meint, und er sagt „herausfordernd“, obwohl er eigentlich „hoffnungslos“ meint, und die Wörter haben sich schon in die Sprecher geschlichen, während ihr Sinn noch an der nächsten Bahnsteigkante wartet.

Noch rasch eine Bemerkung zur Bilanzperiode. Wir entnehmen sie dem Buch „Simultan hybride Qualitätsstrategie im Privatkundengeschäft von Kreditinstituten“, also möglicherweise einem Standardwerk: „Da der Umbau von einem prüforientierten zu einem präventiven Qualitätssicherungssystem regelmäßig von so genannten Time-Lags begleitet wird (...), ist eine auf eine Bilanzperiode konzentrierte Qualitätskostenbetrachtung nicht mehr ausreichend.“

Schreiben Sie sich das bitte hinter die Ohren, besonders, wenn auch Sie von einem Time-Lag begleitet werden, und haben Sie Mut, auch dann „Am Ende des Tages“ zu sagen, wenn es mal um zwei Bilanzperioden geht.

„Proaktiv“ können Sie sowieso immer sagen, denn das Wort vereinigt zwei positive Elemente in sich („pro“ und „aktiv“). Wenn Sie im „Meeting“ den Satz „Das sollten wir aktiv angehen“ auf der Zunge haben, halten Sie kurz inne und sagen Sie dann: „Das sollten wir proaktiv angehen.“ Karriere, Gehaltserhöhung, früher gehen wg. Burnout-Epidemie im Kinderbetreuungsbereich: Ihr Chef wird Ihnen nichts mehr verweigern.

„Proaktiv“ hat sich Anfang dieses Jahrtausends aus der englischen Management-Sprache ins Deutsche geschlichen, und das ist natürlich gut so. „Aktiv“ ist zwar auch ganz schön, nämlich „tätig, tatkräftig, (...) mit der Absicht, die Entwicklung bewusst zu beeinflussen“ (Online-Verwaltungslexikon). Aber „proaktiv“ ist der Hammer: „frühzeitiges und differenziertes Vorbereiten auf mindestens zwei unterschiedliche Umweltkonstellationen oder bewusstes Gestalten ausgewählter strategischer Tatbestände in eine Richtung“ (ebd.). Wenn Sie jetzt den Unterschied nicht verstanden haben: Darum geht es nicht. Reden Sie einfach drauflos.

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