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Schnittlauch gefällig? 70 Cent, bitte.

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Im Kaffeehaus geht es um tiefgespritzte Tage. Ja, es gibt sie.

Stammgast S. fiel gleich mit einer Bemerkung ins Kaffeehaus, die aufhorchen ließ. Das sei, sagte er, wieder mal so ein tiefgespritzter Tag gewesen.

Schon hier wird sich die Leserschaft in zwei Lager teilen: Die des Südhessischen Mächtigen werden sich fragen, was ein tiefgespritzter Tag sein soll. Alle anderen werden sich fragen, was „tiefgespritzt“ sein soll.

Stammgast S. aber erläuterte: Ein tiefgespritzter Tag sei so etwas wie ein tiefgespritzter Apfelwein (für alle anderen: eine „Apfelweinschorle“, die tief im Glas nur wenig Apfelwein enthält, bevor das Mineralwasser zugegeben wird). Ein tiefgespritzter Apfelwein, fuhr S. fort, habe bekanntlich die Eigenschaft, nichts Halbes und schon gar nichts Ganzes zu sein: Der Apfelweingeschmack so weit entfernt in der Tiefe des Glases, dass er überhaupt nicht zur Geltung komme, sondern, obwohl im Prinzip lecker, wie das störende Nebengeräusch eines erfrischend geschmacklosen Mineralwassers wirke.

Ganz ähnlich, so S., sei sein Tag gewesen. Der habe zwar durchaus ein gewisses Maß an Arbeit enthalten, sei aber so schleppend verlaufen, dass nun weder Arbeitszufriedenheit zu verspüren sei noch ein Gefühl erfrischender Freizeitgestaltung.

Stammgast R. erwiderte, es komme ja noch hinzu, dass seines Wissens ein Tiefgespritzter nicht weniger koste als ein purer Apfelwein, obwohl dieser durch Geschmack und Alkoholgehalt wesentlich belebender wirke. Das sei, fügte Stammgast R. hinzu, so ähnlich wie mit den Eiern, nur irgendwie umgekehrt: „Wenn ich zwei Frühstückseier bestelle, bezahle ich zwei Euro. Aber zwei Eier im Glas kosten zwei siebzig. Wo, bitte, kommen die siebzig Cent her?“

Das amtierende Servicepersonal murmelte zunächst etwas von „Schnittlauch“ und „Mehrarbeit“, aber es entspann sich dann doch ein Meinungsaustausch über Preis und Wert, der durch die Vertrautheit des amtierenden Servicepersonals mit der Marx’schen Lehre noch an Tiefe gewann.

Dem kurzen Vortrag über das Verhältnis von Warenwert und Preis unter besonderer Berücksichtigung von Produktionsweise und Marktverhältnissen im (Spät-)Kapitalismus lauschte das amtierende Publikum äußerst interessiert, bis Stammgast R., das amtierende Servicepersonal ansprechend, zusammenfasste: „Hier werden also mindestens zwei beschissen: Ich wegen dem Preis und Du, weil Du davon nichts abbekommst.“

Man merkte dem amtierenden Servicepersonal deutlich an, dass ihm bzw. ihr eine kleine und berechtigte Verteidigungsrede für den Kaffeehausbesitzer, einen sozial gesinnten Kleinunternehmer, auf der Zunge lag. Aber dazu kam es nicht, die Eier im Glas waren fertig.

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