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Poesie

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Von: Stephan Hebel

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"Rosen, Tulpen und Narzissen,/das ganze Leben ist besch-/eiden gesagt ein Traum“
"Rosen, Tulpen und Narzissen,/das ganze Leben ist besch-/eiden gesagt ein Traum“ © rtr

Im Kaffeehaus kommt das Thema auf Anglizismen und auch auf Poesiealben. Und auf Raider und Twix daraufhin natürlich auch.

Auf die Poesiealben kam die Gesprächsrunde im Kaffeehaus erst später. Zunächst beschwerte sich Stammgast A., ein gestandener Mann im Endspurt Richtung Rente, über die Fernsehsendung „Let’s Dance“, die er – nach eigenen Angaben – gerade zum ersten Mal und rein zufällig gesehen hatte. Da seien ja durchaus „adrette Personen“ am Werk, aber man dürfe sich schon fragen, warum das Ereignis nicht einfach „Lass uns tanzen“ heiße. „Moderiert von Karl Moik“, warf Stammgast L., dem Anglizismus aus Modernitätsgründen zugeneigt, kritisch, wenn auch pietätlos ein.

Er, fügte Stammgast L. hinzu, wolle nicht in einer Welt leben, in der „Deutschlands nächstes Spitzenmodell“ in der „Geschäftsklasse“ zum „Auswahlverfahren“ nach Los Angeles fliege. A. entgegnete schwach, die letzte gute Tat im angelsächsisch dominierten Kapitalismus sei die Tilgung des Namens „Raider“ gewesen, auch wenn er die genaue Bedeutung des deutschen Wortes „Twix“ auf Anhieb nicht nennen könne. „Früher hatten wir Poesiealben, heute haben wir Twitter“, alliterierte der alteingesessene Stammgast M., den Anti-Anglizismus von Stammgast A. überraschend unterstützend. „Und Facebook.“

Stammgast A., nun wieder mit Oberwasser, sagte: „Ich sage zweierlei: Erstens ist Facebook auch wieder Englisch. Und zweitens kann man hier mal sehen, wie der angelsächsische Kapitalismus ganz normale Begriffe kapert und zu Markennamen macht.“ Hier warf Stammgast L. ein: „Tempo!“, womit er sich erneut disqualifizierte, auch wenn A.’s Einwand, „Tempo“ sei immerhin ein deutsches Wort, auf allgemeine Skepsis stieß.

„In diesen / vier Ecken ...“

Der Alteingesessene gab zu bedenken: „Sei wahrhaft, treu und edel/Mit einem Wort: ein deutsches Mädel“. M. versicherte glaubhaft, so etwas noch im 68er-Jahr in den Poesiealben von Mitschülerinnen gelesen zu haben.

Er selber, so der Kaffeehaus-Älteste, habe in der Regel geschrieben „Rosen, Tulpen und Narzissen,/das ganze Leben ist besch-/eiden gesagt ein Traum“, ergänzt durch Beschriftung der Seitenecken mit dem üblichen „In diesen/vier Ecken/soll Liebe/drin stecken“. Er sei im Nachhinein sicher, dieser Kombination seine stark verspätete Entjungferung zu verdanken, die überdies durch eine höherklassige Monika stattgefunden habe und höchstwahrscheinlich nur, weil Monika überhaupt kein Poesiealbum besaß.

„Account!“ warf, mit neuem Mut, Stammgast L. in die Runde, auch er nun kritisch geworden dem Anglizismus gegenüber. „Meine Klasse“, ergänzte der Kaffeehaus-Älteste, „das war noch ein soziales Netzwerk.“

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