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Platz

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Von: Stephan Hebel

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Freuen kann sich, wer eine Stehplatzkarte besitzt.
Freuen kann sich, wer eine Stehplatzkarte besitzt. © imago

Ist das Wort Platzkarte noch am Platze? Kollege H. strauchelt, Kollegin J. weiß Bescheid.

Geplant war ein Times mager über Pandabären, aber es kamen die Platzkarten dazwischen. Das war wichtiger, und Pandabären können warten.

Kollege H. erzählte von einer ihm bekannten älteren Dame, die, rüstig und reiselustig, jeweils vor dem Urlaub den Erwerb einer Fahr- sowie einer Platzkarte kundzutun pflege. Ihn, so H., erinnere das an seine ebenfalls relativ weit zurückliegende Kindheit, in der die Eltern tatsächlich Platzkarten erworben hätten, bevor man in silberfarben verkleideten D-Zügen zu dem etwa 40 Kilometer entfernten Ferienziel aufgebrochen sei.

Anders als damals sei das Wort „Platzkarte“ heute sozusagen fehl am Platze, fügte der Kollege H. hinzu, aber das hätte er lieber lassen sollen, denn die Kollegin J. rief empört aus, dass auch sie, obwohl doch deutlich jünger, das Wort Platzkarte zu verwenden pflege, und daran sei mal überhaupt nichts altmodisch, auch nicht bei der Bahn und beim Theater schon gar nicht. Und dann platzte auch noch die Kollegin N. ins Feuilleton-Büro, noch jüngeren Alters, und rief fröhlich aus: „Im Stadion auch.“ Da gebe es sogar Stehplatzkarten, was bei der Bahn relativ sinnlos sei.

Gäbe es ein Substantiv zu „altmodisch“, hätte Kollege H. wohl auf der Altmodischkeit bzw. Altmodigkeit des Begriffes Platzkarte bestanden, jedenfalls im Zusammenhang mit dem Schienenverkehr, aber er gab es zunächst auf, wenn auch erkennbar nicht überzeugt. Später, bekannte er später, habe er „Platzkarte Bahn“ gegoogelt, und Seltsames sei geschehen: Das Internet habe auf den Suchbegriff spontan mit einem Hinweis auf das Reservierungsportal der Deutschen Bahn reagiert, auf dem das Wort „Platzkarte“ allerdings nicht zu finden gewesen sei. „Asoziale Netzwerke“, murmelte der Kollege H. etwas unpassend.

Kollegin J. dagegen war derart siegestrunken, dass sie noch behauptete, Platzkarte sage man sehr wohl bis heute, nicht aber „Auto“, denn es heiße inzwischen „Ich nehme den Berlingo“ oder „Ich fahre mit dem Polo“, und zwar selbst bei solchen Personen, die außer dem Berlingo oder dem Polo kein weiteres „Motorfahrzeug“ besäßen.

„Auto“, beharrte der Kollege H., aber sein Gefühl, wieder etwas Land zu gewinnen, währte nicht lange, denn die bis dahin schweigende Kollegin S. fand zwar unter „Platzkarte“ einen ablenkenden Hinweis („Entdecke 2550 einzigartige, handgemachte Produkte in Kategorien wie Anlässe + Feste“), aber Wikipedia bestärkte wiederum die Kollegin J. in der Annahme, dass die Platzkarte einen „Reservierungsbeleg für ein Verkehrsmittel“ darstellen könne. Kollege H., niedergeschlagen: „Ich fahre bald nur noch Auto.“ Kollegin J.: „Berlingo“.

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