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Fabelhaft, wie oft über jugendliche Flegel gesprochen wird, dabei sind es längst die Grauhaarigen, die der Belehrung über konzertsaalfreundliches Verhalten bedürfen.

Times mager

Plastiktütchen

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Kommen wir bitte noch einmal auf das Thema Gekrispel im Konzertsaal zurück.

Die Dame mit dem Plastiktütchen macht sich gewiss keine Vorstellung davon, was für einen Lärmpegel ein solches auf den Schoß gelegtes und mit der Hand gedecktes Tütchen in einem Konzertsaal entfachen kann. Wir sind hier zum wiederholten Male mit jenem akustischen Phänomen konfrontiert, in dessen Zentrum die knisternde und knatternde, die Lutschbonbons enthüllende oder Lutschbonbonsichtverpackungen knackende oder bloß ein Papiertaschentuch der Plastikhülle entnehmende und diese anschließend wieder in ihre Reißverschlusstasche auf den dort verborgenen Schlüsselbund legende Person viel weniger von alledem hört als die Leute in ihrer Nähe. Würde doch wenigstens Bruckner gespielt.

Die Situation ist auch vom Geknaster abgesehen aus verschiedenen Gründen unerquicklich, aber interessant. Erstens: die Faktenlage. Was mag die Tüte beinhalten, und warum ist sie hier, nachdem, wie schon bei anderer Gelegenheit bemerkt, selbst die Zeil im totalen Weihnachtskauf-rausch praktisch ohne Plastiktüten auskam? Die dunkelbraune Tüte, wie sie noch vereinzelt in Parfümerien oder Lederwarengeschäften ausgegeben werden mag, ist hier offenkundig nicht zum ersten Mal im Einsatz. Das ist ökologisch ehrenwert, aber auch albtraumhaft: Sollte jene Seniorin jede Woche irgendwo irgendein Konzert sprengen?

Zweitens: die psychologischen Verwicklungen. Da die Methode, einen Menschen mit Blicken zu erdolchen, nicht funktioniert, ist es nur eine Frage der Zeit, dass die Dame mit dem Plastiktütchen etwas direkter auf ihr unseliges Verhalten gestoßen werden wird. Ihr ebenfalls betagter Begleiter bietet ihr augenscheinlich mehrmals (!) an, das Tütchen beiseitezulegen, aber die Dame lehnt ab und verpasst damit die letzten Gelegenheiten, unbeschämt aus der Geschichte herauszukommen. Als das Teil nach der Pause wieder auf ihrem Schoß liegt – kaum zu fassen –, übernimmt ein junger Mann den unangenehmen Part, das Paar anzusprechen. Während man gar nicht hinsehen mag, tun einem die beiden schon leid und wird auch klar, dass Ruhe nur äußerlich einkehren wird.

Denn drittens: die gesellschaftliche Verwicklung. Fabelhaft, wie oft über jugendliche Flegel gesprochen wird, dabei sind es längst die (freilich in großer Zahl vorhandenen) Grauhaarigen, die der Belehrung über konzertsaalfreundliches Verhalten bedürfen (und darüber, wie man ein versehentlich in Gang gesetztes Siri beruhigen kann). Vielleicht ist das die Generation, die verständlicherweise nicht mehr bereit war, auf ihre Eltern zu hören, welche aber wiederum ihren Enkelkindern erfolgreich einbläuten, nicht zu mucksen, während die Musik läuft. Und klappernde Armreife daheimzulassen.

Nicht zu mucksen und klappernde Armreife daheimzulassen, das ist bei weitem nicht so saudoof, wie es klingt. Es ist sogar schön und verhilft zu Seelenruhe.

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