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Pizzaknopf

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Von: Sylvia Staude

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Die Pie Tops können, so liest man, auch den Film pausieren lassen, den man gerade guckt, wenn dann der Pizzabote klingelt.
Die Pie Tops können, so liest man, auch den Film pausieren lassen, den man gerade guckt, wenn dann der Pizzabote klingelt. © Imago

Blumen, eine Gruppe von Motorradfahrern und ein Pizzaknopf: Im Ort L. tragen sich seltsame Dinge zu.

Im Ort L. – am Rhein gelegen, wo er mit am bestauntesten ist – trugen sich dieser Tage seltsame Dinge zu. Blumen winkten uns von Fensterbrettern zu, mit einer Verve, dass sie fast aus ihren Töpfen purzelten. Es waren falsche Blumen, gewiss, aber vielleicht waren sie gerade deswegen so fröhlich. Echte Blumen haben heutzutage ja nichts mehr zu lachen; stattdessen warten sie bang, ob eine der Restbienen vor dem nächsten Winter wenigstens eine Stippvisite schafft. Die Blumen haben Verständnis für deren Arbeitsüberlastung – aber verblühen, ohne dass einen jemals Bienenbeinchen gekitzelt haben? Ach.

Aber wir waren bei den seltsamen Dingen. Dazu gehörte eine Gruppe von Motorradfahrern, die, röhrend und sprotzend, von einem Ortsende ans andere fuhren und wieder zurück, jeweils gen Ende kurz rumstanden und sich zu beraten schienen – dann wieder den Ort erneut durchquerten. Möglicherweise taten sie das, um noch einmal die Blümchen aus dem Fenster winken zu sehen.

Möglicherweise wollten sie den Blümchen eine Freude machen, weil ja sonst nichts los war in L.

Denn es war tatsächlich nichts los in L. Gar nichts. Das Gar-nichts-los wurde auch von einer alten Dame beobachtet, die auf ihrem Balkon hinter Blumentöpfen saß, in denen Flamingos steckten. Künstliche natürlich, die aber leider trotzdem nicht winken konnten.

Lieber blamiert als verhungert

Es war so sehr nichts los in L. – das wir hier durchaus zögern, schönes L. zu nennen –, dass auch sämtliche Gaststätten, Pizzerien, Cafés zu waren. Mausezu. Da ging uns auf, was die Motorradfahrer umtrieb: Sie konnten es nicht glauben, dass ihnen in L. keiner ein Bikerschnitzel verkaufen wollte.

Hätte bloß einer von ihnen – oder einer von uns, denn uns knurrte mittlerweile in den Gassen von L. gewaltig der Magen – einen Pizzaturnschuh angehabt: Knopfdruck genügt und eine Pizza kommt angeflogen. Oder so ähnlich. Zwar bekommen dann Facebook, Amazon, Twitter, Google und sogar LinkedIn mit, wenn ein bestimmter Pizzaknopf an einem bestimmten Schuh dauernd gedrückt wird, aber lieber blamiert als verhungert.

Die Dinger gibt es noch nicht, aber angeblich bald in den Farben Rot und Weizen zu kaufen (in den USA), und sie heißen Pie Tops. Die Pie Tops können, so liest man, auch den Film pausieren lassen, den man gerade guckt, wenn dann der Pizzabote klingelt. Sobald jemand hierzulande über die Pie Tops verfügt, könnte es also sein, dass der „Tatort“ genau so lange stoppt, wie es braucht, eine Pizza entgegenzunehmen und zu bezahlen. Dem gesellschaftlichen Frieden wird das eher nicht dienen.

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