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Pixy

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Von: Sylvia Staude

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So ein Dia-Abend kann lang werden.
So ein Dia-Abend kann lang werden. © PantherMedia / Josef Müllek

Der gute alte Dia-Abend wird bald zum Pixy-Abend werden, so dass uns allen schwindelig wird.

Liebe Kinder, liebe alle U-30er und U-30erinnen, wir wollen heute von einer dunklen Zeit erzählen, in der eure Urgroßeltern, Großeltern und Eltern zu sogenannten Dia-Abenden eingeladen wurden. Dia-Abende dienten als Beweis, dass A. und seine Familie tatsächlich am Gardasee gewesen waren (siehe Wasserfläche, siehe daraus ragend drei Köpfe, die irgendwem gehören konnten; aber der pinke Fleck ist eindeutig Mutti mit ihrer Badekappe, und das Leuchten daneben ist Vatis Glatze), oder sollten beweisen, dass S. mit ihrer besten Freundin W. London besucht und diese dort vor Big Ben fotografiert hatte (siehe sandbrauner Hintergrund, siehe Regenschirm und Anorak).

Für die zu einem Dia-Abend Eingeladenen galt es gefühlte fünf Stunden so zu tun, als freue man sich über 35-mal Gardasee in verschiedenen Lichtstimmungen („das muss morgens gewesen sein, aber nicht so früh morgens wie auf dem vorletzten Bild – wollt ihr es noch mal sehen?“) und über 183-mal London in kleinen Ausschnitten. Denn für größere hätte man ja weiter weggehen müssen. Fast immer blieben dennoch Fragen: Warum hat A. nie einen Menschen so fotografiert, dass auch ohne Badekappe zu erkennen war, um wen es sich handelte? Was fand S. an roten Telefonzellen so faszinierend, um ihre Freundin W. vor jeder Telefonzelle Londons aufzunehmen?

Wenn sie Glück hatten, die Eingeladenen, stand eine gut gefüllte Schale mit Erdnüssen in Reichweite und vergaß die Gastgeberin nicht völlig, nach Getränkewünschen zu fragen. Am besten fing man gleich mit Sherry oder Cognac an. Und schenkte sich, während der Hausherr ein im Projektor verklemmtes Dia zu befreien versuchte, ohne es zu zerstören (Gardaseestimmung Nr. 72), diskret nach.

Das mit den Dia-Abenden hat sich erledigt. Die Dias wurden eingescannt (denn wäre es nicht schade drum?) und dann nie wieder angesehen.

Denn jetzt gibt es ja Pixy. Nicht nur als mit ie geschriebenes Fabelwesen, als das wir es froh begrüßen würden – wir sagen nur: Flügel, spitze Ohren und grüne Kleidung! –, sondern als Kameradrohne, die ihren Besitzer, ihre Besitzerin überallhin begleiten kann, diesen und diese umkreisend immer (!) im Blick behält.

So dass der Pixy-Filmabend von morgen A. und seine Familie vom Hals an aufwärts im Gardasee (oder sonstwo) schwimmend zeigen wird, bis den Gästen schwindelig wird. Außerdem S. und W. in einem London, das zwar auch irgendeine andere Stadt sein könnte, aber sich neuerdings im Kreis zu drehen scheint. Wenigstens wird das die Konversation anregen: Wie hochprozentig ist denn dieser Sherry, dieses Bier? Und gehört die sandbraune Schliere zu Big Ben?

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