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Pitch

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Von: Stephan Hebel

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Anglizismen sind nicht gerade beliebt.
Anglizismen sind nicht gerade beliebt. © Sascha Steinach/dpa

Pitchen will gelernt sein. Wobei wir natürlich dagegen sind!

Es soll ja in der Welt Wichtigeres geben als Anglizismen, aber zumindest in Friedenszeiten sorgt (sorgte?) der Gebrauch englischer Fremd- oder Lehnwörter für Zustände der Erregung bis zum Siedepunkt (engl.: fever pitch). So geschehen auch kürzlich, als an dieser Stelle die Initiative „Anglizismus des Jahres“ freundlich gewürdigt wurde.

Relativ zahlreiche Menschen beschwerten sich bitterlich, die kritischen Anmerkungen am Textende zum übertriebenen Gebrauch des Englischen vor allem in der Geschäftswelt in ihrem sympathischen Furor glatt übersehend. Ganz speziell für diese Leserinnen und Leser soll hier nun das bereits erwähnte Wörtchen „pitch“ entschlossen in die Tonne getreten werden, vor allem in der eingedeutschten Verbform „pitchen“, die nun wirklich nicht mehr zu ertragen ist.

Da Sie ja in Wahrheit des Englischen mächtig sind, werden Sie sich vielleicht ein bisschen wundern, wenn Ihnen das Wort „Pitchen“ begegnet, zum Beispiel in dem ohnehin bereits verwerflichen Satz „Morgen früh muss ich mein Projekt pitchen“. Sie verstehen „Morgen muss ich mein Projekt Taube“, denn was „pigeon“ heißt, das wissen Sie aus der Schule, Sie sprechen ja schließlich richtig Englisch und nicht dieses „Pidgin English“, mit dem sich einst die Kolonisierten mit den Kolonisierenden zwangsläufig zu verständigen versuchten!

Nein, Sie haben das falsch verstanden, die andere Person muss wirklich „pitchen“, und wenn es nicht einfach ein Projekt ist, was sie pitchen muss, dann kann es auch eine Werbekampagne sein, ein Konzept für eine verkaufsfördernde Maßnahme, eine Idee jedweder beliebigen Art oder was auch immer: Die Welt der Büros ist in Wahrheit ein einziges Pitchen, ob Sie das wollen oder nicht, und wenn wir hier ein trauriges Geheimnis verraten dürfen: Es soll in Deutschland schon Redaktionskonferenzen geben, bei denen die schreibenden Kolleginnen und Kollegen ihre Ideen für irgendwelche Artikel „pitchen“. Aber, um das gleich hinzuzufügen: nicht in Ihrer Frankfurter Rundschau, im Feuilleton schon gar nicht, da ist keine Zeit zum Pitchen, da wird nach alter deutscher Handwerkstradition angeboten, und fertig.

Sie müssen über das Pitchen vor allem wissen, dass es immer so einen zeitgemäßen Beigeschmack von Wettbewerb hat. Wer täglich oder auch nur wöchentlich „pitcht“, stellt sich seinen Mitpitchern und -innen praktisch ohne Unterbrechung und befindet sich somit im Dauerzustand des Konkurrierens, und so soll es doch sein in der sozialen Marktwirtschaft, stimmt’s?

Ein Hinweis noch: Machen Sie beim Pitchen nur keinen falschen „Move“, aber dazu vielleicht bei Gelegenheit mehr.

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