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Phils Schatten

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Von: Sylvia Staude

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Groundhog Club Handler A.J. Dereume hält 2021 Punxsutawney Phil, das Wetter prognostizierende Murmeltier.
Groundhog Club Handler A.J. Dereume hält 2021 Punxsutawney Phil, das Wetter prognostizierende Murmeltier. © Barry Reeger/dpa

Diese Menschen werden sich noch wundern: Seinen Schatten hat Punxsutawney Phil dem Teufel verkauft. Oder doch nicht?

Morgen soll Punxsutawney Phil wieder seines Amtes walten. Ein Mann, der angezogen ist, als hätte er nicht nur einen Winter lang, sondern schon seit den Zeiten Abraham Lincolns in einem Erdloch geschlafen, wird Phil fest um den Bauch fassen und aus seinem kuscheligen Zuhause ans Licht heben. Phil ist noch zu müde für Gegenwehr, kneift die Augen zusammen und lässt sich hängen. Fragt sich aber, wo Peta ist, wenn man den Verein mal braucht. Er weiß außerdem nach einigen leidvollen Dienstjahren, wenn er jetzt keinen Schatten wirft, wird er den Menschen eine Freude bereiten: die glauben doch wirklich, dann käme bald der Frühling. Die spinnen, die Menschen. Er aber wird nach dieser Zeremonie das Vernünftige tun und weiterträumen – träumt weiter, murmelt er auch seinem Publikum zu.

Was die Menschen nicht wissen: Phil hat seinen Schatten im Herbst an den Teufel verkauft. Sollte also am Mittwoch in Punxsutawney die Sonne scheinen, werden sie ein harte Nuss zu knacken haben, diese Leute, die immer noch glauben, es ist eine gute Idee, ein Waldmurmeltier als Wetterpropheten einzusetzen. Zu was gibt es Frösche? Oder Schwalben. Auch wenn Phil zugeben muss, dass man mindestens zwei von diesen nervigen Flitzern zur Hand haben muss, denn eine Schwalbe allein kriegt’s nicht hin, einen Sommer zu machen.

Das stimmt natürlich nicht, dass Punxsutawney Phil seinen Schatten an den Teufel verkauft hat. Er ist doch nicht doof, er wird doch nicht seinen Job aufs Spiel setzen, die Peinlichkeit hin oder her, dass eine Menge Menschen am 2. Februar wieder auf seinen Bauch glotzen werden. Und dass er keine Gelegenheit gehabt haben wird, sich zu kämmen und die Schneidezähne zu putzen, dabei sind doch Kameras auf ihn gerichtet. Noch nie ein Waldmurmeltier gesehen, Leute?

Phil kann übrigens von Glück murmeln, dass er nicht Ende des 19. Jahrhunderts, in den Anfangsjahren des Groundhog Day, lebte – damals wurde der Tag mit einem Murmeltier-Festessen begangen (und wir sprechen hier nicht von einem Essen für die Tiere). Phil kann außerdem von Glück reden, dass man ihn nicht gestern von seinem Strohbett geholt hat, denn gestern herrschten in Punxsutawney noch Minusgrade. Morgen sollen es immerhin vier Grad plus sein. Bei bedecktem Himmel. Sie könnten also auch einfach entscheiden, ihn schlafen zu lassen, findet Phil, denn es wird irgendwann wieder einen Frühling geben, hurra.

Dies hoffentlich auch in Hessen, wo es auch Meisen, Spatzen, Ochsen, Dachse, Menschen, kurz: alle Nicht-Murmeltiere, schon lange kaum einmal schaffen, einen Schatten zu werfen.

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