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Philosophie der Pünktlichkeit

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Von: Christian Thomas

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S-Bahnfahrplan am Hauptbahnhof in Frankfurt: Mit einem Fahrplan zu leben, heißt für viele Fahrgäste, sich komplett entmündigt zu fühlen.
S-Bahnfahrplan am Hauptbahnhof in Frankfurt: Mit einem Fahrplan zu leben, heißt für viele Fahrgäste, sich komplett entmündigt zu fühlen. © imago/Steinach

Gegen den Fahrplan, obwohl geronnenes Menschenwerk, ist nichts zu machen. Das erklärt, warum gerade Fahrgäste gereizt sind, sich missachtet fühlen, wenn der Fahrplan nicht einhält, was er verspricht.

Der Fahrplan ist stets durchdacht, und man verrät nicht zu viel, wenn man sagt, dass er nicht etwa konservativ gedacht ist, sondern, weil er die Menschen voranbringen soll, von vorneherein progressiv angelegt ist. Das ist vielleicht sein Eigentliches – sein eigentliches Dilemma. Dass er mutig gedacht ist, und dieser Mut trifft dann tagaus, tagein auf den Unmut der Fahrgäste. Dieser Zusammenprall hat zu tun mit der Differenz von Ist und Sollen, der Idee und der Wirklichkeit des Fahrplans.

Kein Plan, der heute nicht als Philosophie bezeichnet würde. Der Fußballtrainer hat seine Philosophie, der Fernsehkoch hat seine Küchenphilosophie. Der Therapeut hat seine Philosophie oder er hat keine, was der Patient dann schmerzhaft spürt. Er badet dann praktisch aus. Der Zeitgenosse, der heute keine Philosophie hat, ist nicht mehr ernst zu nehmen. Wer heute keine Philosophie mitbringt, ist kein Mensch mehr in der Gegenwart.

Die Philosophie des Fahrplans basiert auf (dem Gedanken) der Pünktlichkeit. Deswegen ist der Fahrplan, der in tausenden Exemplaren allein im Rhein-Main-Gebiet ausgehängt worden ist, zuvor durch tausende Hände gegangen, immer wieder hin- und hergewendet, im Detail durchdacht, neu kalibriert worden – am Ende, aufgehängt, ein Konstrukt geistiger Arbeit. Man muss es ihm nicht ansehen, dass er System hat.

Das hat heute so gut wie alles. Ungemein komplex, wie auch dieses Funktionssystem ist, stellt sich ihm gegenüber das Gefühl einer Verunsicherung ein. In jedem System bildet sich unter seiner formalen Ordnung eine informelle Ordnung, eine mit ganz eigenen Rollen, einer aus Kleingruppen oder Cliquen. Eine solche Ordnung, das wissen wir aus der Systemtheorie, ist nicht zweckspezifisch, sondern personal orientiert – auf einen Boss oder das Alphatier unter den Kollegen. Der Fahrplan verweigert eine solche Orientierung. Gegen den Fahrplan, obwohl geronnenes Menschenwerk, ist nichts zu machen. Es kann gegen ihn informell nichts unternommen werden. Das erklärt, warum gerade Fahrgäste gereizt sind, sich missachtet fühlen, wenn der Fahrplan nicht einhält, was er verspricht.

Dass die Unpünktlichkeit System hat, ist für den Fahrgast keine Übertreibung. Mit einem Fahrplan zu leben, heißt für viele Fahrgäste, sich komplett entmündigt zu fühlen. Ist das aber denn richtig? Wird das dem Fahrplan gerecht? Zur Philosophie gehört, dass jede Minute mit dem Fahrplan gelebt sein will, jeder Augenblick. Fahrgäste mögen dahingehen. Fahrpläne haben etwas Therapeutisches. Fahrpläne bleiben.

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