Eine Magd wurde vor 2500 Jahren Zeugin, wie der Philosoph Thales bei seinen astronomischen Studien, fokussiert auf den Nachthimmel, in einen Brunnen stürzte.
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Eine Magd wurde vor 2500 Jahren Zeugin, wie der Philosoph Thales bei seinen astronomischen Studien, fokussiert auf den Nachthimmel, in einen Brunnen stürzte.

Times mager

Philosophie

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Der Begriff, viele Jahre, eigentlich Jahrhunderte mit Respekt behandelt, erlebt aus dem Mund von Plappermäulern und Wichtigtuern eine Inflation.

Die Augenzeugin musste von dem Unglücklichen nicht ausdrücklich aufgefordert werden, um zu reagieren. Es reichte sein Missgeschick, eine lächerliche Bewegung. Weil er in der Tat eine schlechte Figur machte, wurde er verlacht. Da zum Zeitpunkt des Vorfalls kein Handy greifbar war, entstand auch kein Foto – so ist die Szene schriftlich festgehalten worden, auf Papier, bald schon als Longseller in die Philosophiegeschichte eingegangen. Interpretiert als eine Urszene des Unverständnisses gegenüber Expertenwissen und Expertise – von einem Archetypus der Schadenfreude gar nicht zu reden.

Die Geschichte ist wahrscheinlich nicht bekannt genug. Warum ist sie nicht bekannt genug? Weil die Philosophiegeschichte nicht bekannt genug ist? Dabei ist der Plot rasch skizziert: Eine Magd wurde vor 2500 Jahren Zeugin, wie der Philosoph Thales bei seinen astronomischen Studien, fokussiert auf den Nachthimmel, in einen Brunnen stürzte. Die Reaktion der thrakischen Magd auf das Missgeschick des Thales: Lachen.

Lachen ist natürlich nicht verboten, aber die Lachende hätte auch helfen können – so eine Schlussfolgerung aus der Szene, die unzählige Variationen nach sich gezogen hat, den Absturz in einen Graben, in eine Wolfsgrube oder gar ins Meer, wie Jürgen Goldstein soeben aufgelistet hat in seinem Buch über Hans Blumenberg, da dieser „Das Lachen der Thrakerin“ zu einer „Urgeschichte der Theorie“ ausformulierte.

Ein unbedingt bedenkenswerter Satz in Jürgen Goldsteins unbedingt lesenswerter Biografie: „Eine gute Anekdote macht nie ratlos.“ Auch diese ist hochaktuell geblieben, hat es doch die Philosophie nach rund 25 Jahrhunderten weiterhin schwer. Von Mägden verlacht, von der Menge verspottet, vom Mob gar verfolgt. So führen das Denken, die Anstrengung des Begriffs, überhaupt die Philosophie eine prekäre Existenz. Muss man an dieser Stelle von Diskriminierung sprechen?

Philosophie ist wohl auch das durchdachte Eingeständnis, mit der Ratlosigkeit zu ringen. Umso erstaunlicher, dass Mitmenschen, die ansonsten keine Gelegenheit auslassen, sich über einen abstrakten Gedanken zu mokieren, seit einiger Zeit gerne mit dem Wort Philosophie aufwarten, wie mit einem Prunkwort, obendrein versehen mit pompösen Wortkoppelungen, solchen Abstrakta wie: Firmenphilosophie, Fernsehprogrammphilosophie, Singlephilosophie, Frisörfilosofie, Fredi-Bobic-Philosophie, PKW-Maut-Philosophie. Man will mit der sonst verneinten Philosophie also protzen? Sich dicke tun mit Gedankentiefe? Nicht doch, gar renommieren mit Reflexion?

Man könnte es lächerlich finden. Auch verlachen. Allerdings ist das Kind längst in den Brunnen gefallen.

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