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Als sich Alexander von Humboldt am 25. April 1789 an der Georgia Augusta immatrikulierte, machte das Wort vom „vernünftigen Abenteuer“ die Runde.

Times mager

Pflastersteine umdrehen

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Göttingen war 1789 weit mehr als nur eine Kleinstadt, vielmehr so etwas wie eine Gelehrterepublik. Wie aufregend auch für einen Alexander von Humboldt. Die FR-Kolumne „Times mager“.

Einmal in Göttingen angekommen, staunte er nicht schlecht. Aber was heißt schon schlecht – jedenfalls so klein war die Kleinstadt gar nicht, vielmehr eröffnete sie dem Neuankömmling einen Kosmos, einen geistigen, und der junge Alexander von Humboldt gehörte zu den Menschen, die einen solchen zu schätzen wussten. Im Kosmos Göttingen wollte er den „ersten Schritt in die Welt“ tun, wie er in einem Brief ankündigte, um im selben Atemzug, das spricht für eine gewisse Aufregung, zu ergänzen: „ungeleitet und ein freies Wesen“.

Ein doppeltes Vorhaben, denn lange genug „gewöhnt, wie ein Kind am Gängelbande geführt zu werden“, suchte das Erstsemester die Selbstständigkeit, was allerdings nicht ganz so tollkühn gelang, wie sich der Zwanzigjährige das vorstellte, nicht ganz so „ungeleitet“. Göttingen konnte auch von immenser Geistlosigkeit sein.

Da drin aber eine Parallelgesellschaft, die Göttinger Gelehrtenrepublik, namentlich die Professoren Heyne, Lichtenberg und Blumenbach. Auch das „freie Wesen“ von Humboldt sollte von diesen Aufklärern angemessen angeleitet werden, von Georg Christoph Lichtenberg, der als Physiker, Philosoph und Spötter eine Koryphäe war, sowie von Christian Gottlieb Heyne, der als Altphilologe und Altertumskenner eine weitere Koryphäe war. Zum Göttinger Dreigestirn gehörte Johann Friedrich Blumenbach.

Nun, als sich Alexander von Humboldt am 25. April 1789 an der Georgia Augusta immatrikulierte, machte das Wort vom „vernünftigen Abenteuer“ die Runde. Deshalb liefen die Studenten in Blumenbachs Vorlesungen – spätere Koryphäen wie die Afrikaforscher Friedrich Hornemann, Ulrich Jasper Seetzen und Johann Ludwig Burckhardt, der spätere Globusumsegler Georg Heinrich von Langsdorff, der Brasilienforscher Maximilian zu Wied oder der Russlandforscher August von Haxthausen. Schon Carsten Niebuhr hatte hier in den Vorlesungen gesessen, der später berühmte Orientforscher - der „Pförtner für die Kunde des Morgenlands“.

Blumenbach schloss den Studenten von Göttingen aus die Welt auf. In seinen „Beyträgen zur Naturgeschichte“ erlaubte er einen „Blick in die Vorwelt“ – einen Einblick in seine Methode, die Welt zu sehen: „Fast jeder Pflasterstein in Göttingen zeugt davon, daß Gattungen – ja sogar ganze Geschlechter von Thieren untergegangen seyn müssen.“ Alexander von Humboldt war der Neue in Göttingen, wo es klein genug war, so dass auf engstem Raum enorme Talente zusammenkamen, die in aller Welt darangingen, jeden Naturstein umzudrehen.

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