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„Wenn man sie dann zu Hause hat, und sie langsam aufatmen und sich strecken und wenn man sie dann wieder hören kann, dann gibt einem das eine Menge“.
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„Wenn man sie dann zu Hause hat, und sie langsam aufatmen und sich strecken und wenn man sie dann wieder hören kann, dann gibt einem das eine Menge“.

Times mager

Pflanzenretter

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
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Sobald eine Pflanze den Kopf hängen ließ, war er zur Stelle: der Pflanzenretter. Wie aber passte das zum proletarischen Klassenkampf? Eine Antwort gibt Eva Demskis Roman „Scheintod“.

Niedergeschlagen wie sie seien, stehe es kritisch um sie. Deshalb habe er sie mitgehen lassen, zugegeben. Dem Gericht entwendet, ausgerechnet aus dem Verhandlungszimmer, was für eine Geschichte, kaum zu glauben. Es ist die des Christoph Koblenz.

War es 70, überlegte „die Frau“, während sie in ihren Garten schaute. Eher noch etwas später, aber Anfang der 70er ist nicht falsch, sagte sie sich. Und heißt es in einer Episode in Eva Demskis Roman „Scheintod“, der 1984 erschien und der für die Veranstaltungsreihe „Frankfurt liest ein Buch“ ausgewählt wurde. Im Juli soll es damit etwas werden, endlich. Gelegenheit dann, sich noch einmal über die Geschichte des Christoph Koblenz zu beugen.

Hatte man schon mal so was vor Gericht, so einen Angeklagten, so einen Fall? „Eine gewisse Liebenswürdigkeit, hatte wohl damals der Staatsanwalt gesagt, ist dem Delikt keineswegs abzusprechen. Ich stimme Ihnen da zu, Herr Kollege! Aber natürlich kommen wir nicht umhin ...“ Mit den drei Pünktchen ist das Urteil auf den Weg gebracht, gegen einen „sanften Spinner“, der sich als „Rächer“ versteht, Christoph Koblenz.

Der Mann ist ein „Pflanzenentführer“, der in einer schriftlichen Erklärung „dringend Haftverschonung forderte, weil er sich um seine kranken Pflanzen kümmern müsse“, um die Opfer, die er aus Kaufhäusern oder Läden befreit habe, „Gefolterte“, wie er ergänzt, Schutzbefohlene, so der Angeklagte, an den sich die Hauptfigur im Roman erinnert, „die Frau“, die ebenso zu berichten weiß, dass, „wenn man sie dann zu Hause hat“, die Befreiten, „und sie langsam aufatmen und sich strecken und wenn man sie dann wieder hören kann, dann gibt einem das eine Menge“. Er höre sie, hatte „der Mann“, sein Anwalt, den Angeklagten gefragt. Ja, „vor allem, wenn sie am Ersticken sind“, hatte der Angeklagte dem Anwalt geantwortet, der einen Asthmatod sterben wird.

Christoph Koblenz, der nicht zusehen kann, wenn eine Pflanze den Kopf hängen lässt, ist in der Romanwelt der Außenseiter und Anarchisten ein verschrobener Rebell, im wahren Leben der passionierten Gärtnerin Eva Demski vielleicht so etwas wie ein heimlicher Held, laut der falschen Logik des bewaffneten Kampfs verachtenswert. Tatsächlich ist er ein eigener Kopf, der sich „wohl schon früh aufs Einzelsein besonnen“ hatte – ja, unter den in den 70er Jahren brutalen Bedingungen in der Bundesrepublik ein Besonnener, belächelt. Doch gab es unter all den Heroen und Heldinnen des Aufruhrs auch nur einen einzigen weiteren „Pflanzenrächer“?

Produzenten alter Leidenschaften, verklärt nicht!

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