Hans Pfitzner ein eingefleischter Nazi und Antisemit.
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Hans Pfitzner, ein eingefleischter Nazi und Antisemit.

Times mager

Pfitzner

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Die Umbenennung all der Pfitznerstraßen, mancherorts in Planung, ist ein weites Feld.

Das Thema kam in geselliger, behördlicherseits aber keinesfalls zu beanstandender Runde einmal wieder auf die Pfitznerstraße. Warum und wieso man sie umbenennen solle, da es doch erstens so umständlich sei – all die neuen Adressen, auch koste das eine Menge Geld – und zweitens ohnehin niemand mehr wisse, wer Pfitzner gewesen sei. In dieser Reihenfolge: bürokratischer & finanzieller Aufwand („Ist doch Wahnsinn“), sodann die tröstliche Macht des Vergessens. Es muss hier keine Rolle spielen, dass das in etwa immer die Stichworte und die Reihenfolge waren, mit denen alle Welt und jedenfalls die uns vertraute der Zukunft zugewandt weiterwurschtelte. Und dann schauen doch ein paar zurück und wollen nicht einfach alles so stehen lassen.

Auch das in diesem Fall betroffene Wiesbaden hat sich – siehe Hamburg (Friedensallee, 2009) oder Münster (Margarete-Moormann-Weg, 2012) – im Februar (2020) zu einer Umbenennung durchgerungen. Durchgerungen im Sinne eines Showdowns zwischen Stadtverordnetenversammlung und Ortsbeirat, und die Stadtverordnetenversammlung obsiegte. Zuletzt Anfang Juni, lesen wir im „Wiesbadener Kurier“ nach, zeigte sich der Ortsbeirat zwar verärgert, plädierte aber mit der Mehrheit von CDU und FDP nun für Johannes-Brahms-Straße.

Das Überraschendste daran ist, dass es in Wiesbaden bisher keine Brahmsstraße gibt (obwohl Lokalpatrioten seine 3. Sinfonie stets die „Wiesbadener“ nennen). Die Grünen schlugen Fanny-Hensel-Straße vor, die SPD unterstützte das als „Zeichen für Gleichberechtigung“. Es war diesmal ein FDP-Mann, der laut „Kurier“ jenen wohlvertrauten Satz aussprach, der immer nur im Zusammenhang mit Frauen fällt und dem darum einige Schändlichkeit anhaftet: „Geschlecht allein ist kein Qualitätsmerkmal.“ In Mainz, wo eine Umbenennung der Pfitznerstraße ebenfalls seit einiger Zeit in Planung ist, schlug die CDU im Ortsbeirat dieser Tage vor, stattdessen eine „Umwidmung“ vorzunehmen und den Namen künftig auf den deutschen Anatomen Wilhelm Pfitzner zu beziehen. Was das an Geld spare. Nicht umsonst hört man von den zuständigen Kolleginnen und Kollegen immer wieder, dass man im Ortsbeirat den Menschen als solchen kennenlernen kann.

Über alles, nein, nicht über alles, aber über den Komponisten Hans Pfitzner, der ein eingefleischter Nazi und Antisemit war, ließe sich übrigens womöglich reden und aufklärerisch tätig werden, wenn es so viele Schreker- wie Pfitznerstraßen gäbe. Schreker, wer das sein solle, hieß es nach Zündung dieses doch nicht so üblen Arguments in der geselligen Runde, wirklich wahr. Dann kam die Sprache auf anderes.

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