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Dieses Pferd lässt vermutlich nicht mit sich reden - nicht einmal, wenn es Martin Walser persönlich wäre, der das Gespräch sucht.

Times mager

Vom Pferd

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Literatur, die Wahrheit atmet: Jasper Rothfels (Mannheim) als würdiger Nachfolger des großen Martin Walser.

Martin Walser hat natürlich kein Monopol darauf, vom Pferd zu erzählen. Dieser Hinweis ist nicht politisch gemeint, auch wenn es dafür einige Gründe gäbe („Ich fühle mich glücklich, dass wir so eine Kanzlerin haben“). Er ist vielmehr literarisch gemeint, denn heute widmen wir uns in vergleichender Absicht großen literarischen Werken über Pferde, fliehende speziell.

Martin Walser, an dieser Stelle würde er uns sicher nicht in untypischer Bescheidenheit widersprechen, weiß schon sehr lange sehr vieles sehr viel besser („Gegen Schröder konnte man ja nichts haben“). Zum Thema des fliehenden Pferdes notierte er bereits 1978 in seiner gleichnamigen Novelle die schönen Sätze: „Einem fliehenden Pferd kannst du dich nicht in den Weg stellen. Es muss das Gefühl haben, sein Weg bleibt frei. Und: ein fliehendes Pferd lässt nicht mit sich reden.“

Das sagt im Buch Klaus Buch, der uns am Anfang ebenfalls als nicht gerade bescheiden begegnet, von dem wir aber dann doch erfahren werden, dass Großspurigkeit in der Regel eine Angelegenheit von Leuten darstellt, die sich als ziemlich klein empfinden. Beim jüngsten Werk über fliehende Pferde, das uns bei Durchsicht der Tagesmeldungen begegnete, ist allerdings genau das Gegenteil am Werk: Bescheidenheit, die in wahre Größe mündet.

Als würdiger Nachfolger des großen Walser erweist sich „Jasper Rothfels (Mannheim)“, der seinen Protagonisten sagen lässt: „Es ist nicht ganz unkompliziert, ein Pferd führen zu wollen, wenn es das Fressen im Kopf hat.“ Was auch die von Walser notierte Beobachtung erklären könnte, dass ein fliehendes Pferd nicht mit sich reden lässt.

Das Pferd, um das es bei „Jasper Rothfels (Mannheim)“ geht, war zum fraglichen Zeitpunkt allerdings kein fliehendes mehr. Es war zwar zwischen den Orten Römerberg und Harthausen, irgendwo in der Nähe von Speyer, aus seiner Koppel ausgebrochen und hatte – ein Verhalten, das wir Pferden bisher nicht zugetraut hätten – „mehrere Verkehrsteilnehmer erschreckt, die die Beamten alarmierten“. Aber die leider namenlosen Hauptpersonen der wahren Geschichte (mehrere Polizisten) fingen das delinquente Tier ein, und zwar (anders als Walser und sein Buch) ohne ein Gewese darum zu machen, ob es mit sich reden lasse oder nicht.

„Jasper Rothfels (Mannheim)“ fügt seiner dpa-Meldung bescheiden ein Zitat aus dem Polizeibericht bei: „Auf der Strecke zu der etwa drei Kilometer entfernten Koppel mussten mehrere Pausen eingelegt werden, da dem Pferd nach Grasen zumute war.“ Das ist Literatur, die Wahrheit atmet.

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