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 „Proust schreibt, dass er nicht schreiben kann – darüber schreibt er aber.“
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„Proust schreibt, dass er nicht schreiben kann – darüber schreibt er aber.“

Times mager

Peter Heusch und die große Proust-Lesung – Die Zeit lesen

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Am 18. März 1994 im Literaturhaus Frankfurt – Erinnern Sie sich noch?

In der Erinnerung – und wenn sie nicht trügt, diese Erinnerung – war die Atmosphäre beim ersten Mal mehr als nur ein wenig feierlich. Erwartungsvoll dazu, sogar ein bisschen aufgeregt. Aber auch – verschwörerisch? Denn gaben nicht die, die bei diesem ersten Mal aufgetaucht waren, die nun so aufrecht wie aufmerksam auf den Literaturhaus-Stühlen saßen (in dichten Reihen, oh ja, und man dachte sich nichts dabei), gaben sie nicht auch ein Versprechen ab, wenn auch keinen Schwur: den Vorlesenden nämlich zu begleiten, immer wieder und nach Kräften (freitags zu später Stunde, 22 Uhr!), auf dass der Vorlesende den Mut behalte, Wort für Wort, Satz für Satz voranzuschreiten. Keine Wüstendurchquerung stand an, keineswegs, auch kein Mount Everest mit dünner Luft. Durch eine dicht bewachsene, vielbevölkerte Landschaft sollte es gehen, vorbei an Sehens- oder vielmehr Hörenswürdigkeiten rechts und links, Seite um Seite. Trotzdem: zehn Jahre? Du meine Güte.

In der Erinnerung die stille, aber gespannte Erwartung, nein, mehr noch: Vorfreude. Und die Beobachtung des Gegenübers, wie man einen olympischen Läufer beobachten mag vor dem Start. Einen olympischen Vorleser (Schauspieler, Sprecher, Autor) namens Peter Heusch, der nun in Frankfurt antrat: Papier zurechtlegen, Stuhl zurechtrücken, Wasserglas anfassen, wieder hinstellen, aufblicken. Vielleicht ein Räuspern? Hat Peter Heusch sich eigentlich geräuspert, ehe er mit den ersten Worten begann, hat er Lampenfieber gehabt angesichts der Berühmtheit dieser Worte und der Größe der Aufgabe?

Dass diese ersten Worte am 18. März 1994 fielen, das findet sich nicht mehr in der Erinnerung, dafür im elektronischen Archiv, das angeblich nichts je vergisst (man wird sehen). Dort auch – ach ja, das hatte man doch glatt vergessen –, dass der Vorlesende bis zum allerletzten Wort, das gar nicht anders als „Zeit“ (im Original natürlich: temps) lauten kann, dass er bis zum allerletzten, ungezählten Punkt nicht nur zehn, sondern schließlich dreizehn Jahre brauchte. Bis zum 16. März 2007.

Jetzt komme, sagte Heusch damals, gab es der Berichterstatterin zu Protokoll, die „schreckliche, die proustlose Zeit“ – „Wie geht es Ihnen?“, hatte die Berichterstatterin nämlich gefragt, als befrage sie einen Mehr-als-Marathon-Läufer, einen Weltdurchquerer, der er ja eigentlich auch war.

Einen anderen Satz sagte er auch, und eigentlich (so die Erinnerung) wollte die Berichterstatterin ihn sich ausdrucken und an die Wand hängen über ihren Arbeitsplatz: „Proust schreibt, dass er nicht schreiben kann – darüber schreibt er aber.“ Auch wer nicht Proust ist, wird das kennen, bis zum immer wieder: Punkt.

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