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Peinlich

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Von: Sylvia Staude

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Joe Biden landete mit einer Beschimpfung in den Medien – ihm war nicht bewusst, dass das Mikro angeschaltet ist.
Joe Biden landete mit einer Beschimpfung in den Medien – ihm war nicht bewusst, dass das Mikro angeschaltet ist. © KEVIN LAMARQUE/Reuters

Verflixte Sache, wenn das Mikro noch an ist. Andererseits sind vielen Menschen ihre Peinlichkeiten gar nicht peinlich. Im Gegenteil.

Vor langer Zeit, als es noch keine sozialen Medien gab, um andere (und praktischerweise die halbe Welt) wissen zu lassen, was man von ihnen hielt, als man seinen Daumen nur live und in Anwesenheit der oder des Betreffenden hoch oder runter halten konnte, in uralter Zeit also gab es immerhin die Möglichkeit, so zu tun, als sei die Geste gar nicht das gewesen, was sie war. Stattdessen: nur ein Am-Bein-Kratzen, ein Gucken, ob man Tinte an den Fingern hat, ein Nachsehen, ob der Mittelfinger tatsächlich länger ist als alle anderen. Genauer bedacht werden wollte die andere Möglichkeit des Vermittelns von Zuneigung/Abneigung: einen Zettel schreiben. Richtete sich die Botschaft an die Nebenfrau („Ist der Neue in der 11c nicht süß?“) oder an den Nebenmann („Der Neue in der 11c ist viel netter als du!“), war das kein Problem – einfach rüberschieben.

Musste so ein Zettel aber durch mehrere Hände wandern, galt es zu berücksichtigen, dass andere vielleicht, nein, ziemlich sicher mitlesen würden. Interessanterweise waren einem Liebesbekenntnisse, von Unbefugten gelesen, weit peinlicher als zum Beispiel: „Du Hornochse!“ oder „Du blöde Kuh!“ (Wir befinden uns in Oberbayern mit seiner Weideviehhaltung, Anm. d. Red.) Noch dreimal peinlicher war es, wenn die Liebe nicht erwidert wurde. Dann lieber das Zettelchen gleich wieder diskret zusammenknüllen und in der großen Pause im Klo runterspülen. Dass dies möglich war, also das Runterspülen, war unzweifelhaft ein Vorteil gegenüber dem Smartphone.

Heute gibt es, wie gesagt, die sozialen Medien. Donald Trump verteilte seine Beschimpfungen dort – aber nicht nur dort – wie Kamelle. Auch live und via Mikrofon beleidigte er … ach, eigentlich alle, die ihm je widersprachen, ihn nicht ausführlich lobten, manchmal auch einfach zu viel redeten, wenn er gerade reden wollte (also: immer). Besonders originell war Trump dabei nicht, Linguisten fürchteten in seiner Amtszeit gar eine Verarmung des Schimpfwort-Vokabulars. Hätte er das gewusst, er hätte sie auf der Stelle – beleidigt.

Dass sein Nachfolger Joe Biden jetzt mit einer einzigen Beschimpfung in den Medien landete, liegt daran, dass in seinem Fall ein Blümchen den ganzen Frühling machen muss. Nachdem ihn ein Fox-News-Mann gefragt hatte, ob die Inflation eine „politische Belastung“ sei, murmelte er leise: „What a stupid son of a bitch“. Und reihte sich damit in eine andere Ahnenreihe ein: jener Politiker, die nicht wussten, dass das Mikro an ist – zum Beispiel bei einer heiteren Bemerkung über die Bombardierung Russlands.

Videokonferenzen und ähnliches bieten übrigens noch viel schönere Möglichkeiten, eine Peinlichkeit zu begehen.

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