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Times Mager

Pein

Es sieht ganz so aus, als ob Dieter Wellershoff sich auf seine alten Tage mit einem Schmutzfleck auf der Weste seiner Vergangenheit beschäftigen muss. Von Ina Hartwig

Von INA HARTWIG

Dieter Wellershoff ist ganz gewiss nicht derjenige unter den Schriftstellern seiner Generation, dem man auch nur im entferntesten wünschte, sich auf seine alten Tage mit einem Schmutzfleck auf der Weste seiner Vergangenheit beschäftigen zu müssen. Doch es sieht ganz so aus, als ob der 83-jährige gebürtige Rheinländer dazu gezwungen ist.

Im Bundesarchiv ist eine Akte aufgetaucht, die Dieter Wellershoffs NSDAP-Mitgliedschaft ab dem 20. April 1943 dokumentiert (vgl. FR v. 10. Juni). Die Mitgliedschaft war vordatiert worden, der Antrag zur Aufnahme in die Partei - zu dem allerdings keine Unterschrift existiert - soll vom 20. April 1944 datieren; offenkundig ein Geburtstagsgeschenk für Hitler. Der "Führer" ließ sich, um es in der Sprache der Perversion zu formulieren, die hier womöglich die angemessene ist, frisches Jünglingsfleisch in Form neuer Partei-Mitglieder zuführen, und zwar in einer Zeit, als das "Dritte Reich" längst in Agonie gefallen war.

Völlig zu recht rauft sich Dieter Wellershoff, der damals achtzehn war und später als einer der ersten in der Bundesrepublik über Gottfried Benn promovieren sollte, die Haare: "Ich war nicht Mitglied der NSDAP! Ich hätte ja verrückt sein müssen, am Ende des Krieges einzutreten. Wem hätte ich damit gefallen wollen können?" Ohne einen Vorwurf zu erheben: Die Antwort auf diese interessante Frage wüsste man gern.

Denn im Unterschied zu jenen, die sich moralisch kerngesund geben oder gaben, ist Dieter Wellershoff immer schon der Typus des Zweiflers gewesen. Das schließt den Selbstzweifel ein. So sagt er freimütig zu dem Journalisten des Zeit-Magazins, der ihn aus Anlass der gefundenen Karteikarte in Köln besucht: "Mit Verdrängungen kenne ich mich aus, Verdrängung gibt es." Und der Journalist ist "geneigt, ihm zu glauben."

Wir sind auch geneigt, ihm zu glauben: dass die Erinnerung an die Mitgliedschaft verdrängt war. So verdrängt wie bei Hans Werner Henze, bei Martin Walser oder Walter Jens. Die Verdrängung ist eine Pein, wenn sie auffliegt. Dabei könnte die Aufhebung der Verdrängung doch ebenso gut eine Befreiung bedeuten? Man ahnt, dass nicht die Mitgliedschaft als solche das Problem darstellt, sondern die Scham über all die verqueren Motive, die zu ihr führten.

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