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Partizip

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Von: Stephan Hebel

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Die Genderdiskussion ist immer noch hitzig und kontrovers.
Die Genderdiskussion ist immer noch hitzig und kontrovers. © Marijan Murat

„Eldschibitikju, kein Problem“: eigentlich ist so manches im Leben kein ernsthaftes Problem, auch nicht das substantivierte Partizip Präsens.

Kollege P. hatte im Fernsehen eine Quizsendung gesehen, in der es hieß, „Forschende“ hätten einen neuen Frosch oder was auch immer entdeckt, und was ihn fast geärgert habe, sagte S., das sei gewesen, dass er sich nicht geärgert habe.

Kollege P. war eigentlich daran gewöhnt, sich zu ärgern, wenn wieder eines dieser Wörter gesagt wurde, die auf „-ende“ enden, also Forschende oder Studierende oder Mitarbeitende etc. Er hatte „Forscher“ und „Studenten“ und „Mitarbeiter“ bevorzugt und natürlich die dazu gehörenden „-innen“ immer mitgemeint, und eigentlich hatte er das substantivierte Partizip Präsens, den Fachausdruck hatte er sich extra gemerkt, von Herzen gehasst.

Deshalb war das Erstaunen umso größer, erzählte Kollege P. mit der ihm eigenen Offenheit, als ihm auffiel, dass ihm die „Forschenden“ fast gar nicht aufgefallen wären. Da er nun ein geübter Zweifler oder gar Zweifelnder sei, im Zweifel sogar an sich selbst, habe er sich eine fast verzweifelte Frage gestellt, nämlich: Ist es vielleicht gar nicht so schlimm?

Bei der anschließenden Internet-Recherche, fuhr Kollege P. fort, habe er feststellen müssen, dass das Wort „Studierende“ bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts mal einen Höhepunkt in der Häufigkeit des Gebrauchs erreicht habe. Dabei habe damals das Gendern noch nicht im Mittelpunkt der öffentlichen Auseinandersetzung gestanden, soweit er wisse.

Die gegenwärtige Debatte, ob das Partizip Präsens seinen Sinn verliere, wenn es zum Gendern verwendet werde, gefalle ihm inzwischen ebenfalls sehr gut, erzählte P. Die das Gendern Ablehnenden, so drückte er sich aus, verwiesen ja gerne darauf, dass diese Form nur eine Tätigkeit beschreiben könne, die in genau dem betreffenden Moment ausgeführt werde, weshalb es zum Beispiel „sterbende Studierende“ nicht geben könne, weil die Tätigkeiten des Sterbens und des Studierens nur schwer gleichzeitig stattfinden könnten. Nicht unerheblich sei allerdings der hierzu geäußerte Einwand des Sprachwissenschaftlers Anatol Stefanowitsch, dass an „sterbenden Vorstandsvorsitzenden“ sich niemand störe, rein sprachlich gesehen natürlich.

So wie die Welt sich bewege, sagte Kollege P. noch, habe er inzwischen andere Sorgen als das Partizip Präsens. Zumal ihm kürzlich erstaunt aufgefallen sei, dass er fehlerfrei „LGBTQ“ gesagt habe, „Eldschibitikju, kein Problem“, demonstrierte er. Inzwischen könne er es sogar mit „Ei“ am Ende, viel schwerer als „ADAC“ sei das auch nicht, und inzwischen stehe es sogar im Duden. Die Umstehenden, nur in radikalen Kreisen „Umsteher“ genannt, ließen sich zu einem Applaus hinreißen.

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