1. Startseite
  2. Kultur
  3. Times mager

Paradox

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Stephan Hebel

Kommentare

Staatssekretär Egon Bahr (BRD, vorn links) und Dr. Michael Kohl (DDR, vorn rechts) nach der Unterzeichnung des Grundlagenvertrages am 21. Dezember 1972 im Ostberliner Ministerratsgebäude.
Staatssekretär Egon Bahr (BRD, vorn links) und Dr. Michael Kohl (DDR, vorn rechts) nach der Unterzeichnung des Grundlagenvertrages am 21. Dezember 1972 im Ostberliner Ministerratsgebäude. © Chris Hoffmann/dpa

„Dass die Dinge etwas normaler hier in der Mitte Europas vor sich gehen können“: eine Ermutigung aus dem November 1972. Die Kolumne „Times mager“.

Morgens um kurz nach neun wirft der Deutschlandfunk die Zeitmaschine an. „Das Kalenderblatt“ heißt die Sendung, und wenn es nicht gerade um die Erfindung des Buchdrucks geht, finden sich die Älteren plötzlich in ihrer Jugend wieder, für einen Moment geborgen in den hoffnungsvollen Tönen einer womöglich besseren Zeit.

Vor ein paar Tagen sprach Egon Bahr aus dem Radio: „Die Bundesrepublik hatte einen Weg zurückzulegen, die DDR hatte einen Weg zurückzulegen, um die Anormalität der Verhältnisse zu beseitigen und einen Anfang zu machen dafür, dass die Dinge etwas normaler hier in der Mitte Europas vor sich gehen können.“ Der Originalton stammte vom 8. November 1972, dem Tag, als die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik ihren „Grundlagenvertrag“ paraphierten.

„Dass die Dinge etwas normaler hier in der Mitte Europas vor sich gehen können“ – wie angenehm bescheiden diese Worte des westdeutschen Unterhändlers klingen! Wo wirklich Großes geschieht, sind große Worte überflüssig, das nur zur Erinnerung für die Großsprechenden im politischen Einzelhandelsgeschäft unserer Tage.

Dass die Dinge etwas normaler vor sich gehen können: Wer 1972 geglaubt haben mag, der weitere Weg werde unumkehrbar sein, steht heute vor den Trümmern der Hoffnung. Und darf, nein muss sich doch – bei allen historischen Unterschieden – am damaligen Bundeskanzler Willy Brandt, an Egon Bahr und vielen anderen ein Beispiel nehmen: In paradoxer Zuversicht hatten sie sich ans Werk der Entspannung gemacht, der Überwindung unverbrüchlicher Feindschaft zum menschenverachtenden Regime der Sowjetunion und ihrer Satelliten. Ein Unternehmen, das so unwahrscheinlich schien wie heute ein friedliches Zusammenleben mit Russland.

„Dieser Vertrag legitimiert ein Unrechtssystem (...). Wir können dies nicht mitmachen, denn das erschwert den Kampf der Demokraten für die Sache der Freiheit in Deutschland und in Europa.“ Das sagte 1972 Oppositionsführer Rainer Barzel von der CDU. Der Sound klingt heute ziemlich vertraut, aber Barzels Worte waren von der Geschichte schon aufs Erfreulichste überholt, als er sie sprach.

Nein, Russland ist nicht die Sowjetunion, historische Vergleiche hinken. Aber paradoxe Zuversicht, das nahezu kontrafaktische Festhalten an der Idee, dass es auch anders geht: Das dürfen wir gerne mitnehmen aus der Zeitmaschine. „Wir haben das Nebeneinander organisiert und werden das Miteinander zu lernen haben“, sagte Willy Brandt 1972. Heute erscheint selbst das Nebeneinander als Utopie. Aber Aufgeben gilt nicht, nicht mit Willy Brandt und Egon Bahr im Ohr.

Auch interessant

Kommentare