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Früher verzichtete nun wirklich niemand auf das gedruckte Programmheft.

Times mager

Programmheft

Kein Theaterabend ohne Programmheft, und dafür gibt es gute Gründe.

Von Judith von Sternburg

Früher gab es auch im Kino Programmhefte, wie man es aus dem Theater gewöhnt war. Früher setzten sich die Menschen allerdings auch in zwei Reihen vor den Fernseher, wie sie es aus dem Kino gewöhnt waren. Noch früher zogen sie sich allerdings auch fein an, um sich am Radio einen Akt „Walküre“ anzuhören, wie sie es aus der Oper gewöhnt waren. Es mag insofern altmodisch wirken, unter keinen Umständen auf gedruckte Programmhefte im Theater verzichten zu wollen, während in den USA der Trend zur digitalen Version geht. Dies berichtet die „New York Times“ online, nein, sie berichtet nicht, sie beklagt. Unter dem Text finden sich 179 zumeist schwärmerische Kommentare zugunsten papierener Programmhefte. 

Sicherheitshalber nennen auch wir hier einige Vorteile: 

1. Es lässt sich während der laufenden Vorstellung der Name eines Akteurs feststellen, denn ein Stück mag noch so spannend sein, solche Fragen dulden keinen Aufschub. Knipst der Beleuchter für einen Moment sogar gleißendes Licht an, kann man sogar das Kleingedruckte lesen. Wenn man es rasch genug findet. Wohl kaum. Aber nur ein Lumpenkerl, niemand sonst, schaut während der Vorstellung auf sein Smartphone. 

2. Man kann sich in einem Programmheft sehr gut Notizen machen. Rücksichtslos darum die weiß auf schwarz gedruckten Exemplare. Weiß auf schwarz gedruckte Programmhefte signalisieren, dass man im Begriff war, etwas Ungezogenes zu tun. Aber jetzt lachen sich die Programmheftgestalter ins Fäustchen. Erfahrene Programmheftbenutzer schauen vorab, wo sich Räume auftun. Im Dunklen schreiben sie dann trotzdem auf das Foto mit dem schwarzen Hintergrund. Matt der Trost, dass selbst unter jenen, die froh ihre von der Redaktion gestellten Spiralblöcke auspacken, nur wenige Auserwählte am nächsten Tag noch ein Wort des Gekrakels lesen können. 

3. Programmhefte sind Erinnerungsstücke und Stückeinführungen sowie wertvolle Materialsammlungen aus dem Fundus hervorragend ausgebildeter Dramaturgen. Sie können schon bei nächster Gelegenheit wieder nützlich sein. Dafür muss man sie natürlich finden. Natürlich findet man sie nicht. Trotz diverser Sortierungsmaßnahmen (alphabetisch nach Ort, Autor oder Stück, thematisch in diversen Anläufen, integrativ im Bücherschrank) war es erst dreimal möglich, ein vorzügliches Programmheft wiederzuverwenden. Viermal. Das war noch vor der verzweifelten Wegwerfaktion. Seither fehlen ohnehin alle wirklich wichtigen Programmhefte. 

4. Hinterher beim indischen Italiener kann man sehen, wer ebenfalls in der Vorstellung war, und sich freundlich zunicken.

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