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Greiser, aber als Greis noch zuverlässiger Antidemokrat.

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Panikwort W.

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Weimar als Panikwort ist nicht nur wegen der AfD in Umlauf.

Die Republik, die Berliner Republik Deutschland steht in diesen Tagen unter dem Eindruck, den die Weimarer Republik hinterlassen hat. Das hat natürlich damit zu tun, dass vor 100 Jahren die Weimarer Republik gegründet wurde, dass Frauen erstmals ein Wahlrecht bekommen hatten, dass am 6. Februar die Nationalversammlung ihre Arbeit aufnahm, um eine Verfassung auszuarbeiten – eine insgesamt fortschrittliche Verfassung.

An ihr lag es nicht, dass 1933 die Macht an Hitler übertragen wurde. Es lag daran, dass eine Republik der Machtübertragung achselzuckend zusah. Jedenfalls eine Mehrheit es gleichgültig hinnahm, wie einer Minderheit von einem reaktionären Reichspräsidenten, einem greisen, aber als Greis noch zuverlässigen Antidemokraten die Macht in die Hände gelegt wurde. Man kann es nicht häufig genug eine Machtübertragung nennen, weil die deutsche Nachkriegsgesellschaft den von den Nazis eingebürgerten Begriff der „Machtergreifung“ gerne adoptiert und verbreitet hat. Gleichzeitig war man bereit, sich darauf zu verständigen, dass Bonn/Berlin nicht Weimar sei.

Die Berliner Republik Deutschland scheint sich da nicht mehr so ganz sicher zu sein, jedenfalls darf die AfD mit Genugtuung beobachten, wie sehr deren Kalkül aufgeht, die Bundesrepublik steuere auf ein neues 33 zu. Ein End-Zwanziger-Jahre-Gefühl soll umgehen, ein Gespenst, als stünde die Entwicklung unter einem Wiederholungszwang, als laufe die Geschichte auf eine unabänderliche Wiederkehr hinaus.

Extremisten ist eine solche Kopflosigkeit nur recht, sie kommt ihrer Strategie einer Aufwiegelung der Gefühle so richtig entgegen. Weimarer Verhältnisse herbeizureden, gehört zur Polarisierungsstrategie der AfD (Ausnahmezustand für Deutschland, nur so ist das Kürzel zu verstehen). Ohne die Partei zu nennen, hat gestern auch Bundespräsident Steinmeier in seiner Rede zur Würdigung der Verfassung von Weimar auf diese Strategie der Spaltung und Panikmache hingewiesen (FR v. 7. Febr.).

Weimar als Panikwort ist nicht nur wegen dieser Partei in Umlauf. Als unheildrohendes Zeichen für das Versagen des Parlamentarismus und für das Zurückweichen vor dem aufgetriebenen Auftritt des Mobs, als ein anderes Wort für Ängste und Ausweglosigkeit, für Polarisierung und Radikalisierung. Umso wichtiger ist ein genauer Blick auf die Verhältnisse in Weimar. Nicht um simple Gleichsetzungen anzustellen, sondern um die Differenz stark zu machen. Diese ergibt sich aus den enormen Missverhältnissen, die diese Republik beherrscht haben. Wenn Weimar was war, dann ein anderes Wort für Widersprüche. Das könnte eine Lehre sein.

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