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Von: Thomas Stillbauer

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Wer einen entlaufenen Alligator sucht, muss nur richtig hingucken: Hier gibt's nämlich eines zu sehen.
Wer einen entlaufenen Alligator sucht, muss nur richtig hingucken: Hier gibt's nämlich eines zu sehen. © rtr

Ach, wir sind über die Jahre so einiges losgeworden. Dafür wanderte anderes übern Teich zu uns.

Errungenschaften, die über den großen Teich zu uns gekommen sind, kann man auch wieder loswerden. Eine trostreiche Erkenntnis. Nicht alle Errungenschaften. Aber manche.

Nie wieder los werden wir beispielsweise industrielle Fleisch- und Getreideverarbeitungsbetriebe, die praktisch die gesamte Erdoberfläche benötigen, um dort Rindvieh und Weizen anzubauen, damit der Mensch das Klima killen und sich schlecht ernähren kann. Wenn das aufhörte, wovon sollten wir dann dick werden und Diabetes kriegen; wo sollten wir nachts in kilometerlangen Autoschlangen mit laufendem Motor und aufgedrehter Bumpi-bumpi-Stereoanlage vor dem Drive-in warten; wessen Abfall sollten wir in Autobahnzufahrtskurven aus dem Fenster schmeißen?

Hamburger-Ketten werden also bleiben müssen. Koffeinhaltige Brause ebenfalls. Und natürlich auch smarte technische Geräte, mit denen man unter anderem telefonieren kann. Ein Begriff im Wandel der Zeit übrigens: „telefonieren“. Seit wir mit dem Telefon alles machen, wofür man früher tausend weitere Geräte benötigte (Fotoapparate, Taschenlampen, Sextanten, Computer, Briefpapier, Gabelstapler, Ozeanriesen) ist beispielsweise der Begriff „fotografieren“ überhaupt nicht mehr nötig. Sieht man etwas vor sich, von dem man ein Lichtbild anfertigen möchte, wird man bald wie selbstverständlich sagen: „Ooorrr, warte, diesen Sonnenuntergang muss ich unbedingt telefonieren.“

Die ersten Leserinnen und Leser sind jetzt kurz davor, empört Sudokus auf ihrem Smartphone zu lösen, weil sie sich fragen: Ja, was denn nun? Welche Errungenschaften, die über den großen Teich kamen, sind wir denn wieder losgeworden?

Hier – die Vornamensnennung des Interviewpartners am Satzende. Die Älteren erinnern sich, zunächst auf CNN und Fox News, dann auch in „Tagesthemen“ und „Heute-Journal“ verbreiteten sich seltsame Dialoge wie:

„Hallo, Rudi Rastlos in Miami, wie entwickelt sich die Lage?“ „Hier ist die Situation außer Kontrolle. Keine Spur von dem entlaufenen Alligator. Die Leute sind in Panik. Sabine?“

„Was tut die Feuerwehr? Da gab es ja Kritik. Rudi?“

„Das fragt man sich hier vor Ort auch. Aber zunächst hoffen natürlich alle, dass niemandem etwas passiert. Den Menschen nicht und auch nicht dem acht Meter langen Alligator. Sabine?“

Anfangs war man irritiert, weil diese Art Gespräch wirkte, als hätten die Gesprächspartner Sorge, am anderen Ende wäre niemand mehr. Dann wurde klar, der Vorname dient quasi als Ersatz für „Over“ bzw. „Kommen“, so wie früher am Funkgerät bei „Flipper“ oder „Skippy“. Ach, Funkgeräte: Sind wir auch los.

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