Otto Schenk wird 90.
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Otto Schenk wird 90.

Times mager

Otto Schenk

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Tosca auf dem Trampolin: Von Staub keine Spur. Der Schauspieler, Kabarettist, große Opernregisseur und Sketcheerfinder Otto Schenk wird am Freitag 90 Jahre alt.

Sind die Opernsketche von Otto Schenk verstaubt? Am gestrigen Feiertag Fronleichnam war wieder eine ideale Gelegenheit, sich im Internet beim ersten und zweiten Kaffee anzusehen, wie Nothung, das neidliche Schwert, zwar gleich Mimes Amboss teilen soll, aber Mime, der mürrische Zwerg, hüpft zu früh auf den entsprechenden Mechanismus. Nun klappt sich der Amboss wie von ungefähr auf, und Mime müht sich ab, ihn wieder zusammenzustecken. Er klemmt sich dabei den Bart ein, verliert den Bart, und schließlich klappt der Amboss ein zweites Mal zu früh auf.

Übertroffen wird das höchstens vom Versuch, zu viert Siegfrieds Leiche wegzutragen. Der von Schenk gespielte Träger will sich gewohnheitsmäßig bekreuzigen. Dann ist unklar, in welche Richtung es gehen soll. Siegfried gerät ins Rutschen, stürzt ab und wird wieder auf die Bahre gestopft. Man hört ihn leise ächzen.

Zu Recht den größten Ruhm erwarb Tosca, deren Sprung von der Engelsburg zu gut abgefedert wurde, so dass sie zu den Schlussakkorden immer wieder nach oben in die Szene fliegt. Nein, das ist nicht verstaubt. Die Szenen, in denen es zu solchen Missgeschicken kommt, sind irre konservativ inszeniert, aber das heißt nicht, dass so etwas nicht mehr vorkäme. Wohlwollend schaut man auf die effektvollen Stoffstreifen-Lagerfeuer. Vor einer Woche hat jemand unter ein Sketche-Video geschrieben: „aufhören, ich kann nicht mehr, wie geil ist dass denn“.

Diesem gewissermaßen ernüchternden Einwurf zum Trotz, gelingen Schenks Opernsketche, weil Schenk klug ist. Außerdem lässt er die Musik gewähren. Die Musik markiert die Fallhöhe zwischen der Kunst und dem Versuch, dieser auf der Bühne eine Entsprechung zu geben. Alles bricht zusammen, aber sie singen und singen: Eherne Bühnenregel: Sich nichts anmerken lassen, auch wenn es nicht zu übersehen ist.

Nur wer die Oper liebt und aus dem Effeff kennt, kann sich über sie lustig machen. Nichts Faderes als Komödien, in denen schrille Stimmen dazu dienen, Operngesang zu verspotten.

Der Wiener Schauspieler und Kabarettist Schenk inszeniert seit 1957. Es gibt vernünftige Menschen, die immer wieder nach München fuhren, um dort seinen allen Ernstes unübertrefflichen „Rosenkavalier“ anzusehen, von 1972. 2018 war dann doch Schluss damit, o nein, warum. Am heutigen Freitag feiert Otto Schenk seinen 90. Geburtstag. Aus aktuellen Interviews kann man schließen, dass er wohlauf ist. Auf die Frage, ob er sich vom „heutigen Theater noch angesprochen“ fühle, sagte er gleich wieder etwas Kluges: „Es gibt nur gutes oder schlechtes Theater – und gutes Theater wird mich immer ansprechen.“

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