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Will Smith und die Oscar-Schelle - eine Geschichte der Ohrfeige

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Von: Judith von Sternburg

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Will Smith klebt Chris Rock eine. Wer hat schon wen und warum – geohrfeigt? So viele Worte es dafür gibt, so tut es doch weh.

Wer nun keine Lust hat, länger über die nach einem Tag bereits hinlänglich berühmte Oscar-Verleihungs-Ohrfeige sowie die sie am selben Wochenende flankierende Boxkampf-Zuschauerraum-Ohrfeige nachzudenken, dem fallen trotzdem gleich andere Ohrfeigen ein.

Die Berühmteste gab gewiss Beate Klarsfeld 1968 dem CDU-Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, dazu rief sie „Nazi, Nazi“, und da das im Grunde alle wussten und keiner ernsthaft leugnete, war die symbolische Wucht umso größer: dass es nämlich nicht in Ordnung war, einen Ex-Nazi, der wirklich ein Nazi gewesen war, ans Ruder gelassen zu haben. Kiesinger nach dem ersten Schreck und gewissermaßen unüberrascht: „War das die Klarsfeld?“

Will Smith (r) ohrfeigt Moderator Chris Rock bei der 94. Verleihung der Academy Awards in Hollywood.
Will Smith (r) ohrfeigt Moderator Chris Rock bei der 94. Verleihung der Academy Awards in Hollywood. © Chris Pizzello/dpa

Will Smith bei den Oscars mit Ohrfeige auf den Spuren von Lukas Podolski

Nichts rechtfertigt körperliche Gewalt, aber es zeigte sich eine Art Verhältnismäßigkeit, oder sagen wir: Wo die Verhältnisse zu skandalös sind, ist der Skandal, der sie allen vor Augen führt, immer noch ein Skandal, aber nur mehr ein weiterer.

Sehr viele Menschen sahen zu, als Lukas Podolski Michael Ballack 2009 beim Spielstand 2:0 gegen Wales im Vorübergehen eine langte. Eine maximale Disziplinlosigkeit, aber man kann sich auf Youtube anhören, was Felix Magath (selbst völlig unbeteiligt) dazu sagte: „Weiß nicht, so ab und zu mal ein bisschen schlagen ... es kommt immer drauf an, wie der andere’s aufnimmt, ne.“

Will Smith auf den Oscars: Chris Rock wird wie James Bond geohrfeigt

Kritikern ist gelegentlich von Schauspielern (Josef Bierbichler) oder Schauspielerinnen (Käthe Dorsch) eine geschmiert worden, eine sehr unangenehme Vorstellung. Etwas üblicher sind Ohrfeigen im Film, Drehbücher lieben diese kleinen Eklats, die dem Helden die Möglichkeit geben zu zeigen, wie man etwas ungerührt wegsteckt, was sowohl schmerzhaft als auch peinlich ist. Karin Dor haut James Bond („Man lebt nur zweimal“, 1967, mit Sean Connery), immerhin also einen, der seinerseits auch ziemlich heftig gegen Frauen austeilte (aber alles vor Daniel Craig, hoffe ich).

Egal allerdings, was uns einfällt. Es ist nichts gegen die Szene aus „In der Hitze der Nacht“. Sidney Poitier wird von Larry Gates geohrfeigt und ohrfeigt direkt zurück. Der Schuft schlägt den Anständigen, der Weiße den Schwarzen, der Anständige und Schwarze schlägt zurück. Es geht blitzschnell, es ist großartig. Sidney Poitier sagte später, er hätte den Film nicht gedreht, wenn er nicht hätte zurückschlagen dürfen.

Interessant, dass man sich in der Öffentlichkeit eher für die Gründe interessiert, die zu einer Ohrfeige führten, als für die Erfahrung der Ohrfeige selbst. Ohrfeigen gelten zu Unrecht als relativ harmlos – denken Sie an Udo Jürgens, dessen Gehör dauerhaft Schaden nahm, nachdem ihm als Hitlerjungen ein Vorgesetzter (oder wie heißt das da?) eine geklebt hatte. Unsereiner, mit etwa vier in prekärer Lage einmal an einem unguten Ort abgeliefert, bekam sofort von einem riesigen Kind eine gewischt (es gibt richtig viele Verben dafür). Und ist bis heute nicht wirklich fertig damit. So rasch die Wendung „Schlag ins Gesicht“ bei der Hand ist, so grauenhaft ist ein Schlag ins Gesicht. (Judith von Sternburg)

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