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„Unfassbar“ ist Ausdruck des Befremdens ebenso wie der Bestürzung.
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„Unfassbar“ ist Ausdruck des Befremdens ebenso wie der Bestürzung.

TIMES MAGER

Orientierung

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Was ist nicht alles „unfassbar“? Vieles - zu viel. Die Soziologie verschafft ein wenig Überblick in unserer schwindelerregenden Gegenwart

Was da vor sich geht und alles abgeht, bleibt nicht unbemerkt, im Gegenteil. Die Vorgänge drängen sich auf, aber sie lassen sich nur eher schlecht erklären oder gar nicht. Die Gegenwart, sehr häufig ein Rätsel. Nicht von ungefähr ist das Wort unfassbar in (unserer) aller Munde. Es ist das Wort zur Stunde, ein Schlüsselwort der Gegenwart. Aber auch ein Schlüssel?

„Unfassbar“ ist Ausdruck des Befremdens ebenso wie der Bestürzung. „Unfassbar“, darin artikuliert sich ein unartikulierter Widerspruch, daraus spricht der resignative Seufzer. „Unfassbar“ ist das, was abstrus ist, abwegig. Aber auch das, was so rätselhaft ist, dass es unerklärlich wirkt. Mit dem Wort lässt sich alles andeuten und nichts erklären. „Unfassbar“ ist ein bequemes Wort für eine unangenehme Sache, um über das Unangenehme wie das Bequeme nicht weiter nachzudenken.

Was da vor sich geht, nimmt unbestritten mit. Leben wir doch während einer großen Transformation, einer großen Krise, einer des Kapitalismus, der Demokratie, der Kultur, für die es zahllose Erklärungsversuche gibt, Anlässe zur Kritik wie Analysen aus dem Geist der Kritik. Nicht unähnlich ist das alles den enormen Verwerfungen, mit denen bereits die Klassiker der soziologischen Zeitdiagnose befasst waren, Alexis de Tocqueville (1805-1859), Karl Marx (1818-1883), Émile Durkheim (1858-1917), Georg Simmel (1858-1918) und Max Weber (1864-1920). Über sie hat soeben der Soziologe Hans-Peter Müller ein außergewöhnliches Buch („Krise und Kritik“) veröffentlicht. Motto: Habe Mut, über Komplexes und Kompliziertes denkbar lesbar zu schreiben.

Darüber, dass jede Gegenwart sich selbst ein Rätsel ist. Und dass das der Soziologie sehr recht war, als sie sich im 19. Jahrhundert zu einem Seismografen der ökonomischen und politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Erschütterungen entwickelte, zum kritischen Beobachter und Beurteiler der gewaltig-gewalttätigen Verwerfungen ebenso wie der unbemerkten Veränderungen. Zeitdiagnostik also, das Bemühen, die Zeichen der Zeit zu verstehen.

Mit den (distinktiven) Begriffspaaren, die den Übergang von der Tradition zur Moderne kennzeichnen (diametral markieren), lässt sich einiges auch für unsere Gegenwart herauslesen, um ihre unfassbar wirkende, sich aufdrängende Präsenz ein wenig genauer zu fassen. Auch wenn Orientierungshilfe verpönt klingen mag – aber das leistete schon das eine oder andere suhrkamp taschenbuch wissenschaft. Als stw 2299 nun Müllers griffig geschriebenes Buch als so etwas wie eine typisch moderne Orientierungshilfe, die natürlich unbequem ist. Ambivalent wie sie ist, ist sie so beunruhigend wie befreiend.

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