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Ordnung

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Von: Sylvia Staude

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 Auch Marie Kondo ist nur ein Mensch.
Auch Marie Kondo ist nur ein Mensch. © Seth Wenig/dpa (Archiv)

Um mit dem Thema Aufräumen berühmt zu werden, dazu muss man wohl Marie Kondo heißen. Aber jetzt? Räumt Marie Kondo nicht mehr auf.

Es muss im ersten Corona-Lockdown gewesen sein, als die Unruhe einem noch in den Füßen steckte, die so überraschend zugeteilte Zuhause-Zeit nach einer sinnvollen Verwendung regelrecht zu schreien schien – und ein gewisses Aufräum-System, über das man sich vorher noch lustig gemacht hatte, plötzlich doch lockte. Nicht dass Sie jetzt denken, Ihr Times mager wäre chronisch unaufgeräumt. Wir versichern Ihnen, dass keine Socke es wagt, sich unerlaubt von ihrer Schwester zu entfernen und kein Buch, aus dem Autoren- bzw. Autorinnen-Alphabet zu tanzen. Aber Marie Kondo versprach nicht nur schnödes Wiederfinden, sondern innere Ordnung und Zufriedenheit, Erfüllung und ein besseres Leben gar.

Das Prinzip lautet: Dinge nach Kategorie auf einem Haufen sammeln, dann bei jeder Sache entscheiden, ob sie behalten werden soll oder nicht. Wobei die Frage an sich selbst gestellt werden soll: Macht mich dieses „Ding“ (Buch, Kleidung, Zeug) glücklich?

Dummerweise ging Ihr eigentlich praktisch veranlagtes Times mager die Chose damals mit der Kategorie Unterwäsche an. Gab sich durchaus Mühe, sich bei jeder Unterhose nach dem Glücksquotienten zu fragen, hautfarben zum Beispiel gegen himmelblau abzuwägen – erreichte aber nur, dass es sich bald (nach gefühlt zehn, tatsächlich wohl drei Minuten) furchtbar albern fand.

Warum wir Ihnen jetzt mit Marie Kondo und dem Aufräumen als „Meditation und Reinigungsprozess“ kommen, werden Sie sich vielleicht fragen – auch wenn die Zeit für den Frühjahrsputz schneller da sein wird, als wir alle „Huch, auch schon wieder Frühling“ sagen können.

Nun, Marie Kondo hat ihr Marie-Kondo-Aufräum-Prinzip zu all dem anderen aussortierten Krempel in den Keller gestellt, hat die innere und die äußere Ordnung hingegeben – für Kinder. Das freut uns besonders für ihre mittlerweile drei Kinder, die also nicht befürchten müssen, dass Mama von ihnen verlangt, sich für das Teddybärchen oder das Plüschkätzchen zu entscheiden, für die sportliche Barbie oder die elegante Barbie.

Hah!, hat das Times mager gedacht, erwischt: Auch Marie Kondo ist nur ein Mensch. Wenn auch einer, der es ein paar Jahre lang geschafft hat, Kleidung auf eine ganz bestimmte Art und Weise zu falten (ob das auch Unterhosen betraf, haben wir, siehe oben, damals nicht recherchiert). Vielleicht wird es bald nur noch das sein, was uns von Künstlicher Intelligenz und Robotern unterscheidet: Letztere werden falten und räumen, was das Zeug hält, wenn sie so programmiert sind. Und wir Menschen werden Tag für Tag frische Unordnung schaffen, damit sie beschäftigt sind.

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