1. Startseite
  2. Kultur
  3. Times mager

Ordnung

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Stephan Hebel

Kommentare

Wir ahnen: Eine Tagesordnung, zu der wir zurückkehren könnten, gibt es nicht mehr.
Wir ahnen: Eine Tagesordnung, zu der wir zurückkehren könnten, gibt es nicht mehr. © Jerome Maurice Lobijin/Imago

Auch die Sprache ruft uns zu, dass sich etwas zutiefst Unordentliches in unser Leben gedrängt hat.

Nur mal angenommen, jemand schreibt in die Zeitung, ein Mensch sei „mit dem Drahtesel“ unterwegs gewesen, habe aber wegen eines Defekts „per pedes“ nach Hause zurückkehren und sich auch Abends noch „auf Schusters Rappen“ fortbewegen müssen, weswegen es insgesamt „ein gebrauchter Tag“ gewesen sei. Wenn jemand das schreibt, und das soll vorkommen, handelt es sich lediglich um ein Recycling abgegriffener und millionenfach durchgenudelter Metaphern, und wir sehen einfach darüber hinweg oder lassen es gleich mit dem Lesen.

Etwas anders sieht die Sache aus, wenn ein SPD-Generalsekretär in einer innenpolitischen Frage der Konkurrenz vorwirft, sie habe „den Schuss nicht gehört“. Vielleicht geht es Ihnen ja auch so, dass Sie zusammenzucken, wenn Sie das hören, obwohl es doch an dieser Stelle bereits einmal sanft gerügt worden ist. Vielleicht fällt Ihnen ein, dass in diesem Land eine ganze Menge Leute Zuflucht gesucht haben, die einige Schüsse zu viel gehört haben, ob in der Ukraine oder in Syrien oder Eritrea, und vielleicht denken Sie, dass wir sogar anders reden lernen müssen, jedenfalls jetzt, da wir die Schießerei überall in der Welt nicht mehr recht ignorieren können, weil wir selbst schon fast in Schussweite sitzen.

Es sei in diesen Tagen schwierig, hat kürzlich jemand gesagt, „zur Tagesordnung zurückzukehren“. Wenn Ihnen auch diese Metapher etwas sauer aufstößt, dann sicher deshalb, weil die „Ordnung“ unserer Tage so gründlich abhandengekommen ist, dass uns der Glaube schwerfällt, jemals zu ihr zurückkehren zu können.

Etwas zutiefst Unordentliches hat sich in unser Leben – nein, eher nicht geschlichen, sondern gedrängt. Vorbei die Zeit, als wir unseren Horizont am Ende der eigenen Bequemlichkeit enden lassen konnten. Als das warme Wasser aus dem Hahn, der Strom aus der Steckdose und sowohl das Benzin als auch das Bier aus dem Zapfhahn kam. Als es aus der lichten Höhe des Kanzlerinnenhimmels einschläfernd säuselte: „Deutschland geht es gut.“ Und als wir noch glaubten, die Zukunft bestünde aus der Verlängerung einer verlogenen Tagesordnung, deren Verlogenheit uns so wenig interessierte wie die Kriege und Klimakrisen, die sich freundlich auf die Hinterhöfe des gepflegten Hauses Europa beschränkten.

Wir ahnen: Eine Tagesordnung, zu der wir zurückkehren könnten, gibt es nicht mehr. Jetzt, da es praktisch nebenan knallt, lässt sich der Schuss nur schwer noch überhören. Und das ist eigentlich fast schon keine Metapher mehr. Es hilft wohl nichts: Sogar das Sprechen müssen wir neu lernen. Und dann fangen wir mit einer neuen Tagesordnung an.

Auch interessant

Kommentare