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Ein Nachfolger des Thales von Milet, der wie jener für den Spott nicht zu sorgen brauchte: Heinrich Hoffmanns "Hans Guik-in-die-Luft". 

Times mager

Ey, ein Opfer

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Das Missgeschick des Thales von Milet wird gerne als Beleg für die Weltfremdheit von Philosophen hergenommen - ein Vorurteil.

Die Magd, von der hier in der vorletzten Woche die Rede war, lacht immer noch, was Wunder, sie tut es seit 2500 Jahren, sie kann damit nicht aufhören, seitdem sie sah, wie ein Mitmensch, Thales von Milet, von dem es heißt, es handele sich bei ihm um den ersten Philosophen überhaupt, in einen Brunnen stürzte, weil er in seinen Gedanken mit astronomischen Fragen unterwegs war und deswegen nur Augen für den Himmel hatte, den Nachthimmel, unter dem der Forscher kaum sehen konnte, wohin er trat, dafür umso deutlicher das Sternenzelt – wenn sich denn der Zwischenfall zur Nachtzeit abgespielt haben sollte.

Eines kam zum anderen, dabei muss man eine Variable (wenn sich denn…) im Sinn haben, zumal die Philosophie sich ernsthaft auch mit mathematischen und physikalischen Fragen zu beschäftigen begann, zwangsläufig auch die Kettenreaktion zu durchdenken anfing. Denn ein jedes Ding hat seinen Grund. Nichts, das von nichts kommt. So dachte nicht Thales, noch nicht, aber in Reaktion auf ihn reflektierte bereits die übernächste Generation über das Nicht-Sein. Diese Denker unter den Vorsokratikern sind uns von heute aus gesehen einige Jahrzehnte näher als Thales. Sie sind es zeitlich, und sie sind es womöglich auch metaphysisch.

Nichtphilosophen fällt es schwer, den Zwischenfall mit Thales, diesen immens folgenschweren Fehltritt, der nicht aus dem Nichts kam, anders zu reflektieren als einen weiteren Beleg für die Weltfremdheit der Philosophie. Das allerdings ist ein Vorurteil, was ja ganz schnell geht. Voreingenommenheit – Unduldsamkeit – Ressentiment: eine Kettenreaktion, muss nicht so sein, kommt aber immer wieder vor. Man weiß es empirisch, denn man muss sich nur umhören, täglich. Man muss womöglich auch nur in sich selbst hineinhorchen, und horchte man täglich nur 24 mal in sich hinein – was für eine Bilanz für das Ich, peinlich.

Über das Vorurteil haben Philosophen schon drei, vier Generationen nach Thales nachgedacht. Anstatt zu lachen, Ey, ein Opfer, hätte die Magd, der Gedanke ist nicht von der Hand zu weisen (nicht etwa weltfremd), eine unmittelbar menschliche Reaktion zeigen können. Nicht moralisieren, so wurde zu bedenken gegeben, und da Philosophen nicht lebensfremd sind, wurde ergänzt: Die Augenzeugin hätte, vor allem anderen, beispringen und helfen sollen.

Dieser Tipp wurde oft erneuert, von Anfang an und bis in unsere Gegenwart, in der es auf der Hand liegt, einem Unfallopfer seine Untüchtigkeit dadurch zu demonstrieren, dass von seiner Blamage, lachen Sie nicht!, Fotos im Netz umgehen.

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