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Szene aus dem 2004 in Brasilien entstandenen Film „Olga“. Olga Benario wird darin von Camila Morgad gespielt.

Times mager

Olga Benario

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8. Mai: Erinnern wir uns einmal an die konkrete Geschichte einer deutsch-jüdischen Kommunistin.

Kürzlich erzählte B. bei einer legalen Aufzugfahrt zu zweit, wie ihr Kind beim Abendessen nicht aufhören konnte, die Eltern über die Nazizeit zu befragen, „die echte Nazizeit“ habe das Kind gesagt. Sie sei erleichtert gewesen, so B., dass sogar Oma und Opa des Kindes damals noch ganz klein gewesen seien. Ihre eigenen Großeltern, ergänzte B., seien keine Nazis gewesen, im Gegenteil.

Zu Hause war der Bedarf nach etwas Konkretem dann stark und es wurde also sogleich das nagelneue Hörbuch „Die Unbeugsame“ (Nemu Records) aufgelegt. Ute Kaiser (die das auch konzipiert und inszeniert hat), Gabriela Börschmann und Martin Molitor lesen hier aus den Briefen und Gestapoakten von und zu Olga Benario (1908 in München geboren, 1942 in Bernburg vergast). Einerseits kann man sich über das Leben der deutsch-jüdischen Kommunistin, die 1936 von Brasilien ausgeliefert und zurück nach Deutschland gebracht wurde, auch so leicht informieren. Andererseits bot die Herausgabe und Einordnung der Dokumente durch Robert Cohen (zuletzt in seinem Buch „Der Vorgang Benario. Die Gestapo-Akte 1936-1942“, 2016) doch einen atemberaubenden Einblick in die zähe Natur des Bösen und des Guten, der Hoffnung und des sich heranpirschenden Endes. Auf der CD nun konzentriert auf 76, vollständig unverzierte Minuten.

Mit solchen Sätzen (die übrigens begreiflich machen, warum früher gerade ältere Empfindsame die Substantivierungsmanie der deutschen Sprache aufs Schärfste ablehnten): „Das Fortnehmen des Kindes der Benario kann ebenfalls viel zur Ablegung eines Geständnisses beitragen.“ Oder solchen Überlegungen: Man könne ihr ruhig Stricknadeln zugestehen, da sie sich auch ohne das Leben nehmen könne, wenn sie das plane. Das plant sie keineswegs, sie strickt ihrem seinerseits in Brasilien in Haft sitzenden Mann, dem Kommunisten Luis Carlos Prestes, eine Krawatte. Ist es die Krawatte, die im letzten Absatz des Hörbuchs im Nachlass auftaucht? Denn wie die Deutschen Ordnung in allen Lebenslagen schätzen und exekutieren, wird in jedem Moment deutlich. Die Korrektheit zum Tode, sie ist ein Irrsinn, und jetzt erkundigt sich der Leiter des KZ Ravensbrück nach dem Verbleib der Briefmarken, die einem Brief an den weiblichen Schutzhäftling Benario hätten beiliegen sollen, aber nicht beiliegen.

Dazwischen Briefe Benarios an „Karli“, der in der Hafteinsamkeit Diderot und Condorcet liest und Goethes „Zauberlehrling“ übersetzt. Wie sie beide Goethe lieben, wie sie beide ihre Tochter lieben. Er hat sie noch nicht gesehen, sie wird sie nicht wiedersehen. Tatsächlich kann sie gerettet werden. Unvorstellbares Schicksal in einer fernen, aber vorstellbaren Zeit.

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