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Ohne Obdach

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Von: Christian Thomas

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Den zentralen Platz vorm Hauptbahnhof will die Stadt erneuern – aber nicht vor 2020.
Den zentralen Platz vorm Hauptbahnhof will die Stadt erneuern – aber nicht vor 2020. © Monika Müller

Das „Neue Frankfurt“, ideologisch hochmotiviert, verachtete den Historismus als übertriebene Kulisse, als überladene Schauarchitektur, stilistisch lärmend.

Gründerzeit – Goldgräberstimmung. Nicht dass der Main der Klondike gewesen wäre. Und die Brache vor der Stadt, das freie Feld vor der alten Kaiserstadt war ja nicht Alaska. Dennoch wurde auch in Frankfurt wie wild geschürft. Straßen wie die Kaiserstraße, die Kronprinzenstraße und die Taunusstraße wurden zu Goldadern. Sie warfen Gewinne ab, die sich gewaschen hatten.

An den Hauptbahnhof mit seinen enormen Tonnengewölben, mit Mittelschiff und seinen zunächst zwei Seitenschiffen, wurde Gründerzeitbau um Gründerzeitbau angedockt. Sandsteinfassaden und Schieferdächer, Erker und Türme ließen keinen Straßenbahnnutzer kalt. Doch auch von der Tram aus ließ sich schon vor 125 Jahren ausmachen, dass sich nicht nur das schiere Glück in den Ritzen der Schaufronten einquartiert hatte.

Dennoch hat vom Historismus in Frankfurt einiges überdauert. Das war überhaupt nicht selbstverständlich. Denn als ein Werk des 19. Jahrhunderts kam er bereits in den 1920er Jahren in der Modernemetropole sehr schlecht weg. Das „Neue Frankfurt“, ideologisch hochmotiviert, verachtete den Historismus als übertriebene Kulisse, als überladene Schauarchitektur, stilistisch lärmend. Erst recht der Nachkriegsaufbau hatte mit dem Historismus nichts im Sinn. Alles Aufgebauschte galt als passé, nicht nur geschmacklich als anstößig, auch weltanschaulich als höchst anrüchig.

Gerade der Straßenbahnfahrer kann dieser Entwicklung bei der Fahrt durch Frankfurt zusehen. Es ist zu erkennen an nüchternen Fassaden, die an die Stelle einiger Ruinen des Historismus traten. Besonders prominent der Abriss des Schumann-Theaters, eines der größten Varietéhäuser Europas. Auch dieses Bauwerk wurde vom Fortschrittsfuror der 1960er Jahre niedergelegt.

Überlegungen zu einer Neugestaltung gab es auch für den Bahnhofsvorplatz, seiner unendlichen Ödnis wegen (unwirtlicher als die Eiswüste Alaskas). Bei der Suche nach angemessenen Lösungen begab man sich auf die Fährte – fast, so möchte man meinen, – einer verlorenen Zeit. Im Raum stand eine Aneignung der Geschichte. Ideenwettbewerbe machten Vorschläge für Sinnfälliges, von Zehntausenden täglich umtost, aber auf Schritt und Tritt wahrgenommen, und sei es nur aus dem Augenwinkel.

Hoffnungen dieser Art haben allerdings auf Frankfurts Bahnhofsvorplatzbetonwüste nie wurzeln können, seit mehr als fünf Jahrzehnten nicht. Verbesserungsvorschläge, sporadisch vorgebracht, wurden umgehend wieder verjagt. Keine Bleibe für einen Masterplan, kein Obdach für eine sparsame Stadtmöblierung.

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