Es gibt weltweit keinen einzigen bekannten Covid-Fall im Kino.
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Es gibt weltweit keinen einzigen bekannten Covid-Fall im Kino.

Times mager

Ohne Kino

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Das Kino, eine „Prostitutionsstätte“? Lichtspielhäuser kamen jetzt wieder in den großen Topf.

„Kein Tag ohne Kino“ lautet seit der Stummfilmzeit ein Motto der Filmverliebten. Nun gibt es einen ganzen November ohne Kino, und jeder, der ein Kino betreibt, weiß, was gerade dieser Monat für die Filmarbeit bedeutet. Es ist eine besonders umsatzstarke Zeit im Jahr, in der traditionell viele der anspruchsvollsten Filme in die Kinos kommen, insbesondere ernste Dramen, für die das Publikum in den stillen und dunkleren Tagen des Jahres besonders empfänglich ist.

„Wir haben überhaupt kein Verständnis mehr für das ständige Auf und Ab der ergriffenen Maßnahmen“, heißt es in einer Erklärung des Interessensverbandes der Kinobetreiber, HDF. „Seit sechs Monaten arbeiten wir Kinos mit detaillierten Sicherheitskonzepten, großen Räumen, modernen Belüftungsanlagen und ohnehin nur 25 Prozent Auslastungsmöglichkeit. Es gibt weltweit keinen einzigen bekannten Covid-Fall im Kino. Die Kinos übernehmen eine große Verantwortung für ihre Besucher und dennoch nützt ihnen das überhaupt nichts. Wir sind fassungslos.“

Den Umsatzverlust in diesem Jahr schätzt der Verband auf eine Milliarde, vielen Häusern droht die Schließung. Man sollte eine Klage über die Verhältnismäßigkeit erwarten, aber wahrscheinlicher ist, dass es bei stiller Wut bleiben wird. Schließlich ist man von den Förder- und Entschädigungsprogrammen abhängig.

Doch auch wer im Kunstbetrieb Verständnis für die erneute Schließung der Theater, Kinos und Museen aufbringt, mag sich über die diskreditierende Formulierung der Bundesregierung empören: Im offiziellen Text der Verordnung heißt es unter Punkt „c: Geschlossen werden Institutionen und Einrichtungen, die der Freizeitgestaltung zuzuordnen sind. Dazu gehören: Theater, Opern, Konzerthäuser und ähnliche Einrichtungen, Kinos, Freizeitparks und Anbieter von Freizeitaktivitäten (drinnen und draußen), Spielhallen, Spielbanken, Wettannahmestellen und ähnliche Einrichtungen, Prostitutionsstätten, Schwimm- und Spaßbäder, Saunen, Thermen, Fitnessstudios, Wellnesseinrichtungen, Museen, Zoos und ähnliche Einrichtungen.“

Wer Museen und Freudenhäuser schon deshalb für ähnliche Einrichtungen hält, weil man in ihnen seine Freizeit verbringen kann, hat jedes Verständnis dafür verloren, was der Kunstfreiheit einen so hohen Rang in unserem Rechtsstaat gibt. Kunstfreiheit ist wie die Pressefreiheit ein Garant der Demokratie. Sie zu beschneiden, lässt sich nur mit extremen Notlagen begründen.

Vermutlich hat es noch nie eine Bundesregierung gegeben, die in derartiger Kunstferne regierte wie die gegenwärtige – auch wenn Angela Merkel gelegentlich ihre Bewunderung für den Film „Die Legende von Paul und Paula“ bekennt. Dass Kunst für eine freie Gesellschaft lebenswichtig ist, scheint jedenfalls vergessen.

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