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Ofenschraube

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Von: Sandra Danicke

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Um Dummheit zu beschreiben, gibt es verschiedene Sprichwörter.
Um Dummheit zu beschreiben, gibt es verschiedene Sprichwörter. © Frank Sorge/imago

Ist es wirklich klug, Ofenschrauben abzubeißen?

Noch ein-, aber vermutlich nicht zum letzten Mal soll an dieser Stelle von Franz Dornseiff die Rede sein. Oder besser von seinem Buch „Der Deutsche Wortschatz nach Sachgruppen“ (1934). Es ist einfach zu herrlich, in der Vergangenheit nach eigentümlichen Sprichwörtern zu suchen. Diesmal soll es um das Thema Dummheit gehen. Dornseiff versammelte die zu seiner Zeit üblichen Sprüche, von denen erstaunlich viele („bist wohl von gestern“, „hat ein Brett vor dem Schädel“, „sieht aus, als kann er nicht bis drei zählen“) auch heute noch zur Anwendung kommen.

Interessant sind aber natürlich jene Begriffsumschreibungen, die längst kein Mensch mehr verwendet: „Den hat der Esel im Trab verloren“ etwa. Man kann sich vorstellen, wie das gemeint ist: dass die betreffende Person beim Sturz vom Esel auf den Kopf gefallen ist und mental Schaden genommen hat. Oder „hat bei der Erfindung des Pulvers im Nebenzimmer gesessen“, wurde also offenbar durch die Wucht einer Explosion seiner intellektuellen Fähigkeiten beraubt. Jetzt aber dies: „beißt keine Ofenschrauben ab“. Wie kann das gemeint sein? Wäre es nicht eher ein Zeichen von Dummheit, wenn die Person, über die dies behauptet wird, Ofenschrauben abbisse? Ist es nicht viel schlauer von ihr, dies zu unterlassen?

Wie so oft hilft hier die Recherche im Internet, wo eine von Heinrich Tischner aus Bensheim zusammengetragene Sammlung südhessischer Redensarten folgende Variante auflistet: „Der beißt aach koa Oweschrauwe oab“. Erklärung: „Die Redensart ,keine Ofenschrauben essen / fressen / abbeißen‘ beschreibt einen Angeber, der den starken Mann spielt (,Eisenfresser, Eisenbeißer’), aber ganz harmlos ist.“

Wer nun denkt, dies habe mit Dummheit nur am Rande zu tun, liegt falsch. Einer der vorgibt, Eisen zu essen und dies für eine Stärke hält, kann nicht ganz helle sein (das Gendern dürfte an dieser Stelle eher unnötig sein - oder kennen Sie eine Frau, die vorgibt, Eisen zu essen?). Obwohl: Gab es nicht mal eine Nutella-Werbung, in der ein Kind rief, „ich will kein Eisen essen“? Und wurde ihm da nicht erklärt, dass Eisen gesund ist? Und war nicht auch Popeye nur deshalb so stark, weil er so viel Spinat aß? Die Sache hat natürlich einen Schönheitsfehler. Nein, nicht der Dezimalstellenfehler ist gemeint, sondern die Tatsache, dass Popeye seine Kraft - anders als etwa Bodybuilder - lediglich in den Unterarmen, Unterschenkeln und Backen hatte. Was wohl bedeuten soll, dass der Matrose zwar so tat, als esse er Ofenschrauben, also Eisen, aber in Wahrheit ganz harmlos war, weil er eben keine Ofenschrauben, also Eisen, sondern nur Spinat aß.

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