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Rembrandt, Porträt von Jacob de Gehyn III. 1632.

Times mager

Öffentliche Frau

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Rembrandt malt Hendrickje Stoffels, die bei ihm wohnt. Um die beiden herum wabert und zischt die üble Nachrede.

Es gibt für alles den passenden Moment, also stellt er die Porträtierte ans Fenster oder in eine Tür, angelehnt an einen Rahmen, doch ausgerechnet die dort ruhende Hand macht den Eindruck, als könne sich die Frau im nächsten Moment abwenden. Das wirkt nicht keck, aber verführerisch, doch, doch. So zeigt er dem Betrachter Hendrickje Stoffels, die er ins Haus geholt hat. Was sind deswegen für Gerüchte im Umlauf, wegen des Mädchens, wegen der Verhältnisse im Hause des Malers. Ein Mädchen, ein gefallenes Mädchen, heißt es, für das Rembrandt sich preisgegeben habe. Prostituiert habe! Richtig böse, die bösen Zungen. Rembrandt muss nicht jedes Wort hören, um zu wissen, wer da in seiner Umgebung zischt. Und Rembrandt kennt nicht eine jede Stimme, während er wahrnimmt, was für eine üble Nachrede um beide herum ist.

Die Frau, ins Fenster gestellt oder in einen  Türrahmen, bedeutet eine Provokation, sicher, das Werk stellt sie aus wie eine öffentliche Person, während sie den Betrachter ruhig betrachtet. Der Kopf ist so geneigt, dass sie ihn aber auch schräg anschaut, nicht etwa frivol, ganz und gar nicht, aber doch leicht abwägend. Was wohl in dem Kopf vorgeht? Drei Jahre vor der Entstehung des Gemäldes, 1654, musste die Schwangere vor dem Amsterdamer Kirchenrat gestehen, mit „Rembrandt, dem Maler, Hurerei getrieben“ zu haben.

Die Frau, im Türrahmen, im Fensterrahmen, ist in der Stadt eine öffentliche Person. Um den Hals, an einem Lederriemchen, trägt sie etwas Rundes, was da in ihrem Mieder verschwindet, ist nicht auszumachen. Ein Schlüssel? Törichte Vorstellung, es ist nicht Schlüsselgewalt, die sie hat. Mit dem Ring wurde ihr eine Herzensangelegenheit Rembrandts übertragen.

Der kannte auch die „Flora“ des Tizian. Leicht bekleidet die Schöne. Ein Bild, von dem man weiß, dass es sich in Amsterdam befand, und über das unter den Betrachtern keine zwei Meinungen darüber herrschten, dass es nicht die Göttin der Blumen („flora mater“) zeigte, sondern eine Kurtisane („flora meretrix“). Mater – meretrix: Der Knabe Rembrandt war erwiesenermaßen ein sehr ordentlicher Lateinschüler (in der Stadt Leiden) gewesen.

Mater oder meretrix: Hure oder Heilige – vieles lässt sich flugs erklären mit Rembrandts Lebensverhältnissen, auch bei diesem Bildnis der Frau mit den schweren Augenlidern, den dunklen Augen. Die auf ein Gerücht reagieren, damals schon. Der Blick der Frau, der sich seitdem unendlich Zeit lässt, entgegnet dem voreingenommenen Blick des Betrachters, heute noch.

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