+
Rembrandt: Selbstporträt von 1669.

Times mager

So oder so

  • schließen

Bei Rembrandt wird das Haus geräumt, eine schlimme Geschichte. Rembrandt sieht, hört, erfasst alles. Aber er malt es nicht.

Alle, nein, nicht alle, aber doch ausnahmslos diejenigen, die das Haus bewohnen, schauen zu Boden, auch der Hausherr, und das ist überhaupt nicht seine Art, passt gar nicht zu Rembrandt, dass er den Dingen und Menschen nicht entgegensieht. Jetzt jedoch (die Frage war, wer denn der Hausherr sei?, wer Rembrandt?) steht er, eins kommt zum anderen, der Hausherr, Rembrandt, mit gebeugtem Haupt vor dem Mann. Mit seinem Papier verliest er den Beschluss, dazu sekundieren ihm zwei Personen, links und rechts, wie zwei Skulpturen. Von denen sieht Rembrandt nur die Füße.

Das Gehörte geht über Rembrandt hinweg, es sind Vorwürfe, die ihm peinlich sind, wo doch alle im Haus, auch diejenigen, die weder lesen noch schreiben können, ja Ohren haben.

In heller Aufregung

Sähe sich Rembrandt, der sich ein Leben lang selbst beobachtet hat, in diesem Moment zu, fiele es ihm womöglich schwer, sich auch wiederzuerkennen. Aber das ist eine Vermutung, wie es ja auch eine Spekulation ist, dass alle im Haus, jedenfalls alle, die es noch bewohnen, nicht etwa erstarren, sich nicht etwa, gebeugt, in ihr Schicksal fügen. Vielmehr in heller Aufregung sind, durch das Haus stieben und hasten, auf der Suche nach der beweglichen Habe, wenigstens die rettend.

Rembrandt, der stets gelernt hat, jedem Geschehen in seiner Umgebung gefasst zuzusehen, mit unbewegtem Auge, denn nur so lässt sich ein Tumult malerisch bewältigen: Rembrandt kann also wahrnehmen, wie Hände über dem Kopf zusammengeschlagen werden. Oder wie, anstelle von Gesten der Ohnmacht, Hände hochgerissen werden, wie mit ihnen gefuchtelt wird, was für ihn ein banales Wort ist, allerdings die Sache trifft, weil in solchen Gesten, anstelle der Ohnmacht, Anstalten gemacht werden, eine Widrigkeit abzuwehren, eine Gefahr zu bannen.

Weiterhin steht der Mann vor ihm, eine in Amsterdam gefürchtete Autorität, und Rembrandt denkt, während er ihn mustert,  er solle sich in seiner anmaßenden Haltung nicht lächerlich machen, er und diese beiden Handlanger, die neben ihm Aufstellung genommen haben, Würde heischend wie die Ölgötzen!

Nein, er hat sie nicht gemalt, nicht diese beiden, wie wir heute wissen, ebenso wenig hat er die Person portraitiert, die dem Bescheid zur Hausräumung ein Gesicht gab. Was für ein Gesicht? Wir wissen nicht einmal, wie sich die Hausräumung zutrug, wir wissen nur, dass sie vollstreckt wurde, und dass Rembrandt ein Künstler war, der stets in Alternativen gedacht und in Varianten gemalt hat, das waren bei vielen Gelegenheiten nicht nur zwei.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion