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John Neumeier.

Times Mager

Noverre

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Die Noverre-Gesellschaft löst sich also auf. Das ist bitter nicht nur für die Tanzstadt Stuttgart.

Das Ballettwunder, von dem seit den 60ern weit über Stuttgart hinaus gesprochen wurde, war mit John Cranko ins Land der Schwaben gekommen. Und mit ihm kamen einige, die später für wahre Ballettwunder in anderen Städten und ihrerseits für „junge Choreografen“ sorgten: John Neumeier, Jirí Kylián, William Forsythe. Cranko, der Frühverstorbene, engagierte sie als Tänzer; womöglich aber ein anderes Talent, das zum Choreografen, bei ihnen bereits ahnend. 

Die Bühne für ihre ersten Choreografenschritte aber bereitete ein privater Verein: die Noverre-Gesellschaft, die sich vor 60 Jahren nicht besser hätte benennen können nach dem Franzosen Jean Georges Noverre (1727-1810), einem Theoretiker und Umstürzler des Balletts, der danach strebte, das Falsche und Gezierte, Hierarchien ebenso wie Perücken hinweg zu fegen, der sich den Tänzer als Persönlichkeit, nicht bloßes Instrument wünschte. 

„Schmetterling – gemalt, / verblasst vor dem Dasein lebendiger Motte…“: „Haiku“ hieß das Tanzstückchen, mit dem Neumeier 1966 beim Nachwuchs-Abend der Noverre-Gesellschaft startete. Kylián nannte sein allererstes Werk „Paradox“ – da zeichnete sich bereits der mit dem Tanz auch die letzten Fragen Stellende ab. Forsythe choreografierte sein allererstes Werk zu Mahlers „Urlicht“-Musik (aus der 2. Sinfonie). Aus den Bewegungen, vor allem aus dem wagemutigen Spiel mit dem Gleichgewicht, der Lust auf Schräges, blitzt schon der spätere Forsythe. 

Bei den „Junge Choreographen“-Programmen der Noverre-Gesellschaft ging es so weiter bis heute, als hätte man just dort das goldene Händchen, als wären sie dort zu Hause, das untrügliche Gespür für Talent wie auch die Offenheit fürs Experiment. Wer hätte also gedacht, dass so schnell Schluss sein kann mit einer Institution, die so vielen großen Choreografen das sprichwörtliche Sprungbrett war: Aber es fand sich niemand mehr, der den kranken Vorsitzenden Rainer Woihsyk bei seiner ehrenamtlichen Organisationsarbeit entlasten wollte. Die Noverre-Gesellschaft löst sich also auf. 

Das ist bitter für die Tanzstadt Stuttgart, bitter auch für den im Herbst antretenden neuen Intendanten Tamas Detrich. Dieser beteuert, die Nachwuchs-Abende retten zu wollen, indem er sie direkt beim Stuttgarter Ballett ansiedelt. Sie werden dennoch einen Teil ihrer Aura verlieren, die vom jahrzehntelangen, geradezu legendären Erfolg herrührte. Und es ist nicht unbedingt ein gutes Zeichen, dass Marco Goecke, auch einer, der sich auf Noverres Bühne ausprobieren konnte, vom frisch bestallten Detrich als Hauschoreograf gefeuert wurde. Goecke ist ein Schwieriger, aber bei Noverre hat das eben keinen geschreckt.         

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