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Noise

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Von: Stephan Hebel

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Kann man Gott etwas wünschen?
Kann man Gott etwas wünschen? © Imago

Vom Wünschen zum Jahreswechsel, das manchmal seltsamen Ritualen folgt.

Es sind jetzt wieder diese Tage, an denen der Deutsche die sonst gebräuchlichen Begrüßungsformeln durch eine Lautfolge ersetzt, die ein Brite lautmalerisch als „froze noise“ notieren würde. Nicht ahnend, dass das die deutsche Art ist, jedem, der nicht rechtzeitig abdreht, routinemäßig ein frohes neues Jahr zu wünschen (etwas, das es bei den Briten so nicht gibt, versichert Kollege P., der sich auskennt. Das Jahr schon, aber das inflationäre Wünschen nicht).

Es ist bei der Arbeit nicht anders als im Kaffeehaus: „Froze noise!“, tönt es von allen Seiten, und wie bei der „Mahlzeit“ gilt die Pflicht des Angeredeten, mit genau derselben Formulierung zu antworten. Die Jüngeren kennen das kaum noch (das mit der Mahlzeit), probieren Sie es ruhig mal aus. Brüllen Sie „Mahlzeit!“, und die Jungen werden, als hätten sie den Mund schon voll, etwas Unpassendes wie „Danke gleichfalls“ nuscheln, statt die Mahlzeit zu erwidern. Aber bei „Froze noise“ machen alle mit, ob alt oder jung.

Gelegentlich kommt es dabei zu fragwürdigen Exzessen. Im Kaffeehaus kann es passieren, dass man von Stammgast R. mit den Worten „Froze noise, isst Du Pferdewurst?“ begrüßt wird. Fragen Sie bitte nicht nach dem Zusammenhang – es ist einfach so, dass Stammgast R. die Neuigkeit loswerden wollte: Er plante die Bestellung von Pferdewurst und suchte Mitbesteller. In diesem Fall ist es übrigens nicht verpflichtend, ja, es wäre irritierend, gleichlautend zu antworten. Es genügt ein „Froze noise, na klar“.

Um kurz das Thema zu wechseln, allerdings nur scheinbar: In der wunderschönen Einhards-Basilika zu Seligenstadt liegt ein Buch aus, in dem der/die Gläubige Gebete und Wünsche notieren kann. Darin stand (Thema!) am Neujahrstag der wundervolle Satz „Lieber Gott, ich wünsche dir ein schönes neues Jahr“.

Das wirft bei aller schlichten Schönheit Fragen auf, vor allem: Geht das denn? Kann man Gott etwas wünschen? Unterstellt man damit nicht zugleich, es könnte einen Wunsch geben, den sich Gott nicht selbst erfüllen kann? Wenn er doch der Schöpfer von allem ist, dann ja wohl auch derjenige eines schönen neuen Jahres, oder? „Lieber Jesus, alles Gute zum Geburtstag“ – lästerte nicht auch ein solcher Weihnachtswunsch den Gottessohn und damit den Höchsten selbst?

Nein! Die Schönschrift, mit der der/die Gläubige von Seligenstadt dem Schöpfer seine Wünsche übermittelte, zeugt von etwas anderem. Ein Priester mit Management-Ausbildung würde sagen: von einer „Begegnung mit Gott auf Augenhöhe“. Für Nichtpriester ohne Management-Ausbildung: Freundschaft.

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