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Times Mager

Noch

Mutter, 88, ist seit März entweder im Krankenhaus oder in einem Heim. Jetzt blickt sie mir in die Augen: "Ein hübsches Kind! Rote Haare!" Ich trage ein rotes Hemd und sage gar nichts. Von Arno Widmann

Meine Mutter, 88, ist seit März entweder im Krankenhaus oder in einem Heim. Seit damals liegt sie, von seltenen kurzen Ausflügen in einem Rollstuhl abgesehen, im Bett. Wir Besucher müssen Plastikkittel, Latexhandschuhe und Mundschutz anlegen. Wenn ich bei ihr bin, schiebe ich mir einen Stuhl an ihr Bett, lege meinen rechten Arm über das Gitter hinweg neben ihren Oberkörper und lege meine linke Hand auf die ihre. Sie umarmt dann gerne meinen Arm. Ab und zu greift sie nach meiner Hand und küsst sie, als wäre ich ein Priester. Am Sonntag waren wir wieder so zusammen.

Meine Mutter dreht sich von mir weg und wieder mir zu, betrachtet meinen Arm, den sie kurz zuvor noch an sich gedrückt hatte, nickt ihm zu und sagt: "Wie heißt du denn? Ja, deinen Namen musst du mir schon sagen. Na, sag schon!" Jetzt blickt sie mir in die Augen: "Ein hübsches Kind! Rote Haare!" Ich trage ein rotes Hemd und sage gar nichts. Meine Mutter denkt inzwischen an etwas anderes. Dreimal setzt sie mit einem "Kannst du dir vorstellen" an. Aber jedes Mal weiß sie nach dem "vorstellen" nicht mehr, was sie hatte sagen wollen.

Jetzt betrachtet sie ihre Fingernägel. "Das sind Mandeln", sagt sie. "Die bewahre ich hier auf. Weihnachten kommen sie in den Stollen. Hier halten sie sich gut." Sie sitzt jetzt - so gut sie kann - aufrecht im Bett. Die Beine hat sie angezogen, die Bettdecke weggestrampelt. "Räum das weg!", sagt sie. "Was soll weg?", frage ich. Sie sieht mich verständnislos an. Nach einer Pause zeigt sie kopfschüttelnd mit der rechten Hand auf ihre Beine. Ich decke ihre Beine wieder zu. Sie betastet die Decke und sagt: "Wie glatt die Haut ist. Wie glatt."

Der schwarze Rollstuhl an der Wand gegenüber erscheint ihr als eine alte Frau und der Tisch daneben mit seiner weißen Decke als ein Kind mit blondem Haar. Wie oft habe ich gesagt, man müsse sich auseinandersetzen. Ich wusste nicht, was ich sagte. Ich hatte keine Ahnung, wie wörtlich man sich auseinandersetzen kann. Meine Mutter setzt sich - das habe ich an diesem Sonntag gelernt - die Welt, mich und sich selbst auseinander. Sie setzt sich alles - freilich nicht wiederzuerkennen - auch wieder zusammen. Noch.

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