+
Jean-Paul Sartre.

Times mager

Nobel

  • schließen

Vor genau 55 Jahren lehnte Jean-Paul Sartre den Literaturnobelpreis ab. Mit Gründen.

Am heutigen Dienstag vor 55 Jahren bekam Jean-Paul Sartre den Literaturnobelpreis und lehnte ihn ab. Das war ein Riesending damals, ein einmaliger Fall zudem, da die Absage Pasternaks zuvor offensichtlich auf massiven politischen Druck zustande gekommen war. In Sartres Fall wirkte die Lage unübersichtlicher, was die raschen Urteile natürlich nicht behinderte, im Gegenteil: Er sei verärgert, weil Albert Camus den Preis vor ihm bekommen habe. Er wolle – Frechheit – „Simone schonen, die sonst neidisch wäre“. Er wolle sich wichtig machen. Ein schöner Titel hingegen, aus der „J’accuse“-Zeitung „L’Aurore“ und zitiert in Annie Cohen-Solals Sartre-Biografie: „Doppelter Coup für Jean-Paul Sartre. 1. Er hat den Nobelpreis. 2. Er lehnt ihn ab“.

Dabei hatte Sartre es darauf nicht angelegt. Cohen-Solal zitiert auch jenes Schreiben, das der Autor eine Woche vorher an das Nobelpreis-Komitee geschickt hatte. Er habe etwas läuten hören, so Sartre, und „obwohl es anmaßend“ sei, „über eine Abstimmung zu entscheiden, bevor sie stattgefunden hat“, nehme er sich „sofort die Freiheit, Ihnen zu schreiben“. Er habe eine große Hochachtung für die Akademie und den Preis. „Doch aus mir ganz persönlichen Gründen und aus anderen, objektiveren Gründen, die hier nicht darzulegen sind, wünsche ich nicht, auf der Liste der möglichen Preisträger zu erscheinen, und weder 1964 noch später kann und will ich diese ehrenvolle Auszeichnung annehmen.“ Er bitte den Herrn Sekretär um Entschuldigung. Der Herr Sekretär jedoch war zu diesem Zeitpunkt, so Cohen-Solal, bereits beim Wintersport, die Entscheidung gefallen.

Die helle Aufregung hatte zur Folge, das Journalistenpulks am 22. Oktober versuchten, Sartre zu finden, der mit Simone de Beauvoir im Restaurant saß und keine Interviews gab. Man beachte den im Internet kursierenden Kurzfilm, der ihn auf der Straße zeigt, ein höflicher, aber dringlicher Reporter huscht um ihn herum. Alle anderen hätten den Nobelpreis doch angenommen, so der Reporter. Nun, so Sartre, auch die anderen seien frei in ihrer Entscheidung. Schließlich erklärte er schriftlich, bereits etliche Preise abgelehnt zu haben. Er wolle als Jean-Paul Sartre, nicht als Jean-Paul Sartre, Nobelpreisträger, gelesen werden (prophetische Worte! – lesen Sie hierzu auf Seite 32 weiter). Auch sei der Nobelpreis „natürlich kein Preis des Westblocks, doch er ist, was man aus ihm macht“. Westblock, es waren andere Zeiten.

Das Komitee blieb bei seiner Entscheidung, auch wenn der Preis nicht abgeholt und das Preisgeld entsprechend nicht ausbezahlt wurde. Das Gerücht, Sartre habe zehn Jahre später über einen Mittelsmann nach dem Geld fragen lassen, hat etwas Ungewisses und recht Boshaftes. Und wenn?, könnte man aus heutiger Sicht zum Beispiel fragen.

Was am Morgen nach der Buchmesse 2019 wirklich bestürzt, ist die Tatsache, dass Cohen-Solals Biografie, 850 Seiten, im Oktober 1988 bei Rowohlt erschienen, im Dezember bereits beim „11. bis 16. Tausend“ angelangt war.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion