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Niveau

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Von: Christian Thomas

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Gestuft: Willy-Brandt-Platz in Frankfurt.
Gestuft: Willy-Brandt-Platz in Frankfurt. © Rolf Oeser (Archiv)

Vier Stufen mag man für unscheinbar halten. Oder für eine monströse Nivellierung.

Das Niveau des Frankfurter Willy-Brandt-Platzes ist eines Tages angehoben worden. Es musste sein! Das Ergebnis mag unscheinbar geblieben sein, aber in die Platzoberfläche wurde eingegriffen. Der Eingriff geschah durch eine planende Hand, die von dem Gedanken geleitet wurde, das Niveau der Straßenbahntrasse der Linien 11 und 12 nicht im allgemeinen Platzniveau versacken zu lassen. So führen heute drei, vier (es sind, wenn man nachzählt, vier) Stufen hinauf auf Haltestellenniveau, was sich umständlicher anhört, als es sich erweist.

Zum Schauspielhaus und Opernhaus hin ist das Platzniveau abgesenkt. So erreichen Besucher der Theaterdoppelanlage die beiden Einrichtungen von der Straßenbahnhaltestelle aus nicht anders als abwärts; hin zum Verkehrsmittel ist es umgekehrt, man bewegt sich aufwärts. Das mag womöglich merkwürdig anmuten, aber sobald man mal innehält, ist es so.

Gegenüber den beiden Kultureinrichtungen befand sich bis Anfang 2015 der Hauptsitz der EZB. Um sie von Schauspiel und Oper aus zu erreichen, musste man sich ebenfalls aufwärts begeben. Heute, nach dem Umzug der EZB ins Frankfurter Ostend, ist als Nachfolger im sanierten Eurotower die Europäischen Bankenaufsicht untergebracht. Es hat sich nichts daran geändert, dass man nicht nur vom Turm aus auf die Theaterdoppelanlage hinabschaut, sondern von Oper und Schauspiel aus einige Stufen nehmen muss, um auf das Tiefgarageneinfahrtsniveau des Eurotowers zu gelangen.

Jeden Morgen und jeden Abend kann der Willy-Brandt-Platz-Benutzer wahrnehmen, wie das Platzniveau, auf dem Kultureinrichtung und Bankbehörde antreten, subtil unterschiedlich ist (auch wenn die Stufen in eine barrierefreie Fläche auslaufen). Wenn sich einige Dinge im öffentlichen Raum auch auf Gemeinsamkeiten hin ganz gut abklopfen lassen, dann hängt das damit zusammen, dass der öffentliche Raum, so war es einmal ein Planungsziel, eher demokratisch verfasst sein soll. Auf der unglaublich planen Fläche des Willy-Brandt-Platzes ging es allerdings nie darum, mehr Differenzierung zu wagen. Obwohl, mit dem Platzniveau, hinunter zu Oper und Schauspiel, hinauf zum Bankenturm, wurde schon so etwas vorgenommen wie ein Unterschied im urbanen Raum.

Vier Stufen. Man mag sie für unscheinbar halten. Oder für üble Übertreibungen in einem öffentlichen Raum wie dem Willy-Brandt-Platz, der berüchtigt ist für seine ungeschlachte Gestaltlosigkeit. Wenn man es allerdings so sieht, erkennt man nicht mehr nur Niveauunterschiede, sondern eine monströse Nivellierung.

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