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Ein Kea, beheimatet in Neuseeland. Interessiert aber nicht, denn das ist für FR-Leser*innen zu weit weg. 

Times mager

Neugierde

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Sie müssen diesen Text nicht lesen. Wenn er Ihnen schlechte Laune macht, haben wir vollstes Verständnis, es geht uns ja nicht anders. Die FR-Kolumne „Times mager“.

Liebe Leserin, lieber Leser, der Anrede zum Trotz: Sie müssen diesen Text nicht lesen. Eigentlich steht sogar schon fest, dass Sie ihn nicht lesen, und genau genommen hätte er gar nicht geschrieben werden dürfen. Der Text spielt nämlich weder in Ihrer direkten Wohn- oder zumindest Arbeitsumgebung (er spielt vielmehr nirgendwo), noch befasst er sich mit einem Thema, über das Sie mit Ihren Liebsten oder zumindest Kollegen beziehungsweise -innen wahrscheinlich gerade ohnehin gesprochen haben.

Sie sehen: In der großen Welt des Journalismus hat sich einiges getan, die Erde dreht sich schließlich weiter, und die Schäfchen stehen auch nicht mehr automatisch im Trockenen. Wir, die Journalistinnen und Journalisten, haben deshalb weder Kosten noch Mühen gescheut und nach reiflicher Überlegung sowie zahlreichen, stundenlangen Konferenzen beschlossen, was Sie, liebe Leserinnen und Leser, zu interessieren hat: erstens das, was vor Ihrer Nase geschieht, und zweitens das, „worüber die Leute reden“.

Im Umkehrschluss: „Zu weit weg“ und „Zu kompliziert zu erklären“, und schon ist ein Thema weg, auf Nimmerwiedersehen. Wenn Sie in dieser Zeitung Artikel über Kirgisistan und Kolumbien finden, und wenn es sich um Vorgänge aus diesen Ländern handelt, die Ihnen vorher noch unbekannt waren, dann zeigt das nur, dass Ihre Frankfurter Rundschau sich in melancholischer Nostalgie an uncoole Kriterien klammert wie zum Beispiel „Relevanz“, „Überraschung“ oder gar „Horizonterweiterung“.

Und jetzt sagen Sie nicht, Sie wollten ja selber nicht nur Sachen lesen, die vor Ihrer Haustür passieren oder von denen Sie eh schon reden. Sie hätten es zwar vorher nicht gewusst, sich aber am Ende doch für Kirgisistan oder Kolumbien oder gar beide interessiert. Sie hätten sogar schon mal einen Text über Neuseeland gelesen, obwohl Sie da gar nicht hinfliegen wollten, und so weiter.

Oder sagen Sie es doch, dann freuen wir uns, dass Sie bei uns richtig sind. Und vergessen die ehemalige Führungspersönlichkeit, die einmal sagte: „Ein Text über Neuseeland? Da fahren doch die meisten unserer Leser gar nicht hin.“

Wie gesagt, Sie hätten diesen Text nicht lesen müssen. Wenn er Ihnen schlechte Laune macht, haben wir vollstes Verständnis, es geht uns ja nicht anders.

Andererseits – und schon geht die Sonne bei Ihnen und bei uns wieder auf: In der digitalen Welt ist das Blasenwesen inzwischen derart verbreitet, dass manche Leute gar keine Lust mehr haben, immer nur im gleichen, altbekannten Brei zu rühren, ohne sich umzuschauen. Wie zu hören ist, hat die menschliche Neugierde trotz allem überlebt.

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