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Selbst bei schlapper Internetverbindung geht es draußen langsamer, und für viele, einige, ein paar Dinge reicht der Rechner ohne Netz.

Times mager

Die Wichtigkeit im Internet

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Teils mit Aplomb, teils ironisch vorgetragen, werden Äußerungen im Netz stark wahrgenommen, jedenfalls von mehr Menschen als beim traditionellen Kneipenblabla.

Natürlich werden wir heute kein weiteres Wort darüber verlieren, aber in der zweiten Wochenhälfte erscheint „GRM“, der neue Roman von Sibylle Berg, ein Hammer, aber egal jetzt, aber an einer Stelle (unter anderem an einer Stelle) geht es darum, wie wichtig sich der Mensch im Internet fühlt und wie unangenehm es dann wieder für ihn hier draußen ist. Da er sich draußen weit weniger wichtig fühlt, zumindest weit weniger beachtet in seiner Wichtigkeit. „Und draußen“, schreibt Sibylle Berg an dieser Stelle (auf Seite 210, einer sonderbaren Stelle, aber ansonsten wird hier rein gar nichts verraten), „wenn man dann rumläuft in Zeitlupe mit seinem frierenden Körper, da bekommt man keinen Respekt für sein wichtiges Sein.“

Wer kennt schon Twitter?

Das ist eine glänzende Beobachtung (weiß Gott nicht die einzige in „GRM“, aber nun ist wirklich Schluss damit). Nicht nur weil es einen Zugang zu diesem seltsamen Ton eröffnet, der herrscht, sobald man Gespräche, na ja, Äußerungen im Internet mitliest. Teils mit Aplomb, teils ironisch vorgetragen, werden sie im Netz u. U. immens stark wahrgenommen, jedenfalls von mehr Menschen als beim traditionellen Kneipenblabla und Premierenplauderiplaudera am Samstagabend. Auf Twitter zum Beispiel.

Ein Versuch, draußen über Twitter zu sprechen, scheiterte indessen gerade erneut daran, dass die Alten am Tisch Twitter nicht näher kannten, mit den Schultern zuckten und den ersten Spargel anschnitten. Hinzu kam, dass auch die Jungen am Tisch Twitter nicht näher kannten, mit den Schultern zuckten und den ersten Spargel fotografierten, um ihn auf Snapchat zu veröffentlichen. Bilder sind ungeistreich, aber der Satz „Habe ich heute schon gesagt, dass die AfD doof ist“, bei allem Verständnis auch.

Noch interessanter an Sibylle Bergs Satz (wie gesagt, aus ihrem in der zweiten Wochenhälfte erscheinenden neuen Roman „GRM“) ist die Beobachtung, wie langsam draußen alles geht und wie man sich dabei ständig und bei diverser Witterung durch die Gegend schleppen muss. Selbst bei schlapper Internetverbindung geht es draußen langsamer, und für viele, einige, ein paar Dinge reicht der Rechner ohne Netz.

Man kann an der Heizung sitzen und trotzdem feststellen, wie das Wetter ist, falls man nachher draußen noch etwas zu tun hat. Dass muss aber etwas verdammt Wichtiges sein. Man kann Ein-Personen-Kartenspiele spielen, die man draußen alleine deshalb nicht spielen könnte, weil schon das Hinlegen der Karten eine Herausforderung wäre (und: welcher Karten?). Man kann ständig alles neu schreiben. Oder etwas entfernen, und dann passt es genau. So dass man gleich weiterlesen kann. Das erwähnte Buch, einen roten Ziegelstein, an der Heizung, jetzt ganz ohne Computer.

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