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Von: Thomas Stillbauer

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Kindermund tut Wahrheit kund.
Kindermund tut Wahrheit kund. © Kay Nietfeld/dpa

Gurkenschwänzchen, ein schönes Thema, aber passt es in diesen Tagen? Nein, es passt überhaupt nicht.

Sie glauben gar nicht, wie unterhaltsam Debatten über Gurkenschwänzchen sein können, selbst wenn Sie bislang noch gar nicht wussten, was Gurkenschwänzchen sind. Ein früher Entwurf zu diesem Text sollte daher die Debatte über Gurkenschwänzchen in SSM (Sog. Soz. Medien) beleuchten.

Sie glauben aber auch nicht, was Autorinnen und Autoren von einem auf den anderen Tag in die Quere kommen und Texte über Gurkenschwänzchen praktisch unmöglich machen kann, zumindest aus subjektiver Sicht. Wie kann ich über Gurkenschwänzchen schreiben, wenn Panzer fahren und Raketen fliegen?

Nur die Besten schaffen es, in Kriegs- und Krisenzeiten so bei ihren ursprünglichen Themen zu bleiben, dass weder die ursprünglichen Themen zu kurz kommen – sagen wir: die Vorschau auf einen Kriminalfilm, zur Fastnacht vor zwei Jahren gedreht – noch das Bewusstsein, dass wir uns in Kriegs- und Krisenzeiten befinden. Das ist Kunst & Genie. Das kann man nicht lernen. Man hat’s, oder man hat’s nicht. Andere durchforsten ihre Liste und finden nichts, was sie der Zeit und den Umständen für angemessen hielten. Soll es hier etwa um die Frage gehen, wie man Eier zubereitet? Das stimmhafte Husten von Kollegen? Die Spülbürste, die man in die Redaktionsküche mitbrachte, und die jemand vor lauter Ordnungsliebe ganz hinten in den Schrank räumte, während die Gemeinschaft weiter ihr schmutziges Geschirr auf die Spülmaschine statt in die ...

Alles aus der Zeit gefallen. Außer Wolfgang Borchert.

„Du. Pfarrer auf der Kanzel. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst den Mord segnen und den Krieg heilig sprechen, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!

Du. Kapitän auf dem Dampfer. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keinen Weizen mehr fahren – sondern Kanonen und Panzer, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!

Du. Pilot auf dem Flugfeld. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Bomben und Phosphor über die Städte tragen, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!

Du. Mann auf dem Bahnhof. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst das Signal zur Abfahrt geben für den Munitionszug und für den Truppentransport, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!“

Auch Borchert ist hier aus dem großen Ganzen gerissen, Pardon. Dafür muss aber noch Platz sein:

„Du. Dichter in deiner Stube. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Liebeslieder, du sollst Hasslieder singen, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!“

Also singen wir Lieder von Liebe und Lieder von Hoffnung. Bisher wurde noch immer irgendwann wieder über Gurkenschwänzchen geschrieben.

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